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Jörg Scholz

Predigt am 2. August 2020 in St. Philippus über Matthäus 5, 13-16

 

Liebe Gemeinde!

In welcher Art von Sprache kann man angemessen von Gott und vom Glauben reden? Die Lieder und die Bibeltexte dieses Sonntags[i] sprechen mit ihrer Fülle an Bildern eine poetische Sprache. Vielleicht finden Sie Zeit und Muße, sich zuhause noch einmal das Gottesdienstblatt, das Sie bekommen haben, daraufhin durchzulesen. Vielleicht haben manche dieser Bilder für uns Zeitgenossen der Moderne ihre Kraft verloren, aber jeder Feinfühlige wird sich letztlich ihrer Poesie nicht entziehen können.

 

Schaut man sich aber einen Gottesdienst wie diesen in seiner Abfolge genauer an, dann fällt auf, dass teilweise keine poetische Sprache gebraucht wird. Sinnfälliger Ausdruck davon ist das Glaubensbekenntnis, das wir eben wieder leise mitgesprochen haben. Da wird offensichtlich eine andere Sprache gebraucht als die poetische. Wir gewinnen den Eindruck, dass keine Bilder gebraucht werden, sondern Fakten, Tatsachen, zusammengestellt werden, um unseren Glauben zur Sprache zu bringen. „Gekreuzigt“, Punkt; „gestorben“; Punkt, „begraben“, Punkt… Ich will das sogenannte „Apostolische Glaubensbekenntnis“ jetzt nicht wiederholen, aber es ist doch so, dass seine Worte fast an jeder Stelle weniger unser Herz und unsere Gefühle ansprechen als unseren Verstand. Verstehen wir denn, was da gesagt wird, oder müssten wir nicht an jeder Stelle Übersetzungsarbeit leisten, um zu verstehen?

 

Da das wohl kaum geschieht, steht gerade das Glaubensbekenntnis in der Gefahr, gleichsam monoton dahingesprochen zu werden. Man tut es halt so. Das geht mir nicht anders als wahrscheinlich den meisten von Ihnen. Mein eigener Kompromiss damit sieht so aus, dass ich mir immer sage: Das ist ein Bekenntnis aus einer bestimmten frühen Zeit der Kirche, dem 5. Jahrhundert, und das Großartige daran ist, dass es – bis auf kleine Varianten – in allen christlichen Konfessionen der Welt bis heute so gesprochen wird und uns miteinander verbindet. Wie es ja letztlich auch die gewachsene Form des Gottesdienstes tut, den wir feiern.

 

Welche Sprache ist dem Glauben angemessen? Die poetische oder die vermeintlich sachliche? Wie kann von Gott gesprochen werden? Verändern sich vielleicht im Lauf der Zeiten auch die Sprachmuster, die Gott angemessen sind?

 

Ich denke, wir müssen diese schwierige Frage bejahen. Um es sehr pointiert auszudrücken: Können wir noch in einer Sprache von Gott reden, die behauptet, Gott gäbe es irgendwo im Himmel, der doch das Weltall wäre, und lenke von dort die Geschicke der Welt und unseres Lebens? Die Annahme einer womöglich männlichen Person, die Gott heißt und die existiert, wie Sie und ich existieren, ist durch unser modernes Denken ziemlich erschüttert. Vor allem aber dies: Wenn Gott so existierte wie alles andere in dieser unendlichen Welt, dann wäre auch er dem Gesetz des Werdens und Vergehens unterworfen. Er wäre nicht Gott.

 

Was aber dann, denn wir wollen doch von Gott reden? Poesie, wie am Anfang schon gesagt, Musik, Kunst, Anbetung und Spiritualität können Wege zu Gott aufzeigen. Aber dem gesellt sich noch etwas Weiteres hinzu, das ich bei Jesus in den Evangelien finde und von dem in unserem Glaubensbekenntnis überhaupt nicht die Rede ist. Neben seinem Versuch, Menschen heil und gesund zu machen, gehört zu seinen Kennzeichen das Erzählen von wunderbaren Geschichten und der Gebrauch von einprägsamen Bildern. Nicht weit weg von der Poesie. Wenn der Mensch auf sie hört, verbinden sie sich wie ein Netzwerk mit seiner Existenz. Der Hörer wird durchlässig auf Neues hin – und das führt mitten hinein in das jeweilige Leben.

 

Im vorhin gehörten Evangelium für heute erzählt Jesus keines seiner Gleichnisse, aber er gebraucht zwei wirkmächtige Bilder. Er spricht uns an und sagt: „Ihr seid das Salz der Erde“ und „Ihr seid das Licht der Welt“. Welche Assoziationen gehen uns durch den Kopf, wenn wir „Salz“ hören? Manch einer mag an den genialen Anfang des „Butts“ von Günter Grass denken: „Ilsebill salzte nach“. Vielleicht denken wir gerade hier in Lübeck auch an seine Geschichte mit dem Salz aus Lüneburg, dessen Handel die Stadt reich gemacht hat. Was für uns Heutige ein einfaches Würzmittel ist, war in der Vergangenheit ein kostbares weißes Gold. Und woran denken wir beim Bild des „Lichtes“, das die Lieder und Texte dieses Sonntags ausmalen? Ich erinnerte mich dieser Verse von Wolfgang Borchert:

„Ich möchte Leuchtturm sein in Nacht und Wind,

für Dorsch und Stint,

für jedes Boot – und bin doch selbst ein Schiff in Not.“

 

Was verbindet das Bild vom Salz mit dem Bild vom Licht? Vielleicht kann man es so ausdrücken: Beide verändern etwas, das Salz die Speisen und das Licht die Finsternis. Wenn uns Jesus als Salz der Erde und Licht der Welt anredet, dann meint er, dass der Aggregatszustand unseres Lebens verändert werden kann: unsere Einstellungen zu uns selbst, zu anderen und der Welt.

 

Verstehen wir diese an uns gerichteten Bilder nur als Anspruch, dann müssten wir unter ihrer Gewalt zugrunde gehen. Wenn wir sie aber als Hoffnungsbilder verstehen, dann muten sie uns zu, dass sich durch uns etwas bewegt, verwandelt. Wir salzen das Leben, wenn wir es – auch in Krisenzeiten – fröhlich und heiter bewältigen. Wir bringen Licht, wo wir unbefangen auf Menschen zugehen, und den Mund auftun, wo es notwendig ist. Und damit komme ich noch einmal auf die Frage zurück, wie heute von Gott gesprochen werden kann, wenn uns die dogmatischen Formeln nicht mehr genügen. Wo Menschen im Namen Jesu Salz und Licht verkörpern, da erscheint Gott und ist mit ihnen; da blitzt etwas auf von Ewigkeit.

 

Ich meine, dass diese Gotteserfahrung über die Grenzen unseres Christentums hinausgeht. Aber uns gesellt sich dabei der zur Seite, den das Johannesevangelium sagen lässt, er sei das Licht der Welt. Er beleuchtet sozusagen uns, damit auch wir leuchten, strahlen können.

 

Salz der Erde und Licht der Welt zu sein als Akt des Glaubens fällt nicht leicht. Sie, liebe Gemeinde, wissen alle, dass der Anteil der aktiven Christinnen und Christen in Deutschland schrumpft. Das hat sicher auch damit zu tun, wie die Sprache der etablierten Kirchen die Menschen erreicht. Da haben einige Gemeinden in dieser Corona bedingten Krise vieles versucht und das auch manchmal erfolgreich. Aber wir müssen uns auch damit auseinandersetzen, dass wir in einer Zeit leben, die den Menschen einen ganz anderen Verheißungscharakter bietet. „Streame dir alles, was du liebst“ – so warb in den vergangenen Wochen eine große Unterhaltungsfirma für sich. Übersetzt heißt das: „Du kannst dir alles herunterladen, was du liebst“. Die digitalen Kanäle liefern dir alles. Wenn ich etwa im Bus sehe, wie viele Menschen mit ihrem Smartphone beschäftigt sind, dann frage ich mich, ob sie – unbewusst natürlich – nicht in dem Gefühl leben, dass sie jederzeit mit allem verbunden sind und nichts anderes brauchen. Warum dann noch „Salz“ und „Licht“ sein wollen?

 

Ich weiß, dass solche Kulturkritik wenig bewirkt. Und vielleicht stimmt ja meine Deutung des Zeitgeschehens auch nicht. Ich bin mir aber sicher, dass es sich dennoch, um des Menschseins vor Gott willen, lohnt, Salz in die Lebenssuppe zu streuen und Lichtsignale zu setzen. Der politisch sehr engagierte frühere hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hat einmal gesagt: „Wir können aus der Erde keinen Himmel machen, aber jeder von uns kann etwas tun, dass sie nicht zur Hölle wird.“ Uns dafür zu stärken, darum feiern wir diesen Gottesdienst.

Amen


[i] Biblische Texte: Epheser 5, 8b-14; Matthäus 5, 13-16

Lieder: „Die güldne Sonne“ (EG 449, 1, 12); „Morgenlicht leuchtet“ (EG 455); „Gott ist gegenwärtig“ (EG 164, 1, 5, 6); „Lebenssonne, deren Strahlen“ (EG 597, 3, 4)