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Jörg Scholz

Predigt über Hebräer 4, 14-16

 

Liebe Gemeinde!

 

Der so genannte Hebräerbrief des Neuen Testaments, aus dem Epistel und Predigttext dieses Sonntags kommen, ist eine schwer zugängliche Schrift. Erst, als ich sie selbst übersetzte, habe ich entdeckt, dass hier eine Theologie auf einem hohen Niveau niedergeschrieben ist - und seitdem lese ich den Hebräerbrief immer mal wieder. Mich fasziniert, wie hier theologische Grundgedanken entwickelt und konsequent durchgehalten wurden, um die im Glauben schlaff und träge Gewordenen Christinnen und Christen wieder auf die Beine zu bringen. Das ist das Anliegen des anonymen Verfassers oder der Verfasserin. Aber ich will jetzt keine Vorlesung über diese Schrift halten. Hören wir noch einmal den kurzen Ausschnitt aus dem Brief:

 

Wir haben nun einen Großen Hohenpriester, der die Himmel durchschritten hat: Jesus, den Sohn Gottes. An diesem Bekenntnis lasst uns festhalten!

Doch wir haben keinen Hohenpriester, der unfähig wäre, unsere Schwachheit mit zu erleiden, sondern einen, der in allem wie wir Versuchungen ausgesetzt war - doch ohne Sünde blieb.

 

Jesus, Sohn Gottes und Großer Hoherpriester, der die Himmel durchschritten hat. Einer, der fähig ist, unsere Schwachheit mit zu erleiden und der wie wir Versuchungen ausgesetzt war - doch ohne Sünde blieb. Das ist natürlich Theologie in verdichteter Form, und ich kann mir vorstellen, dass manch einer unter uns nur sehr schwer damit etwas anfangen kann.

 

Wir haben gehört, dass Jesus hier zwei Titel gegeben werden: Sohn Gottes und eben Hoherpriester. Die einzig im Hebräerbrief für Jesus gebrauchte Bezeichnung Hoherpriester ist nur verständlich auf dem Hintergrund der jüdischen, alttestamentlichen Religion, des 1. Bundes. In ihr war das Amt des Hohenpriesters das wichtigste. In allen die Religion, die Priesterschaft und den Gottesdienst betreffenden Fragen hatte er die oberste Aufsicht und Weisung. Er musste eine besondere kultische Reinheit wahren und war der einzige, der einmal im Jahr am Versöhnungstag, dem Jom Kippur, das Allerheiligste des Tempels betreten durfte. Dort empfing er stellvertretend für das Volk die Vergebung Gottes. Im Jahreslauf brachte er die wichtigsten Opfer dar.

 

Der Hebräerbrief meint, dass die sich die Aufgabe der Priester am Tempel erschöpft habe - nun sei ein für allemal ein Hoherpriester gekommen, der fähig ist, unsere menschliche Schwachheit mit zu erleiden, weil auch er realer Versuchung ausgesetzt war. Gleichzeitig habe Jesus durch sein einmaliges Opfer am Kreuz für immer den Menschen einen Zugang zum Himmel, zu Gott, eröffnet. Er ist der neue Mittler zwischen Gott und den Menschen - die alten werden nicht mehr gebraucht. Das steht so nicht im Predigttext, ist aber eine der Kernaussagen des Hebräerbriefes.

 

Auch Jesus war Versuchungen ausgesetzt - wir denken an das Evangelium vorhin von den Versuchungen Jesu durch den Teufel. Darin war er ein Mensch wie wir alle - und kann uns deshalb nahe sein. Aber dann kommt ein unglaublicher, ich nenne ihn mal: steiler Gedanke: In all den Versuchungen blieb Jesus ohne Sünde. Wir werden fragen: Geht das denn überhaupt?

 

Wir haben ja vielleicht manchmal die Vorstellung von einem Jesus, der, um es mal salopp auszudrücken, sozusagen klinisch rein war - ein Wesen von einem anderen Stern. Und da finde ich es schon wichtig, dass die neutestamentlichen Schriften wie eben auch der Hebräerbrief betonen, dass er uns darin gleich war, dass er wirklicher Versuchung ausgesetzt war. Die Anfechtungen des Daseins sind an ihm nicht vorbeigegangen. Nicht ohne Grund betont gerade das älteste, das Markusevangelium auch die menschlichen Züge in der Person Jesu: Schmerz, Wut, Erschütterung. Und die damit verbundenen Situationen bedeuten doch auch immer Anfechtung und Zweifel.

 

Und mir ist im Blick auf Jesus noch ein Gedanke wichtig, um ihm die Gloriole des nur Heilen, nur Reinen zu nehmen: Jeder Mensch, und meine er es noch so gut, lädt in seinem Leben immer auch etwas auf sich, was man existentielle Schuld nennen könnte. Ein einfaches Beispiel: Etwas war gut gemeint - und führt zum Schaden anderer. Zwei Beispiele im Blick auf Jesus: Er wendet sich Schwachen und Kranken zu - und die Schwachen und Kranken, zu denen er nicht kommen kann, etwa im Nachbardorf, bleiben in ihrem beklagenswerten Zustand. Judas wird durch Jesus zu dem, den wir traditionell Verräter nennen - ohne Jesus wäre er das nicht geworden. Der große Theologe Paul Tillich hat einmal geschrieben: „Jeder Mensch hat Anteil an der tragischen Zweideutigkeit des Daseins.“

 

Macht dann die Aussage des Hebräerbriefes noch Sinn, Jesus sei ohne Sünde gewesen? Sünde - ein unendlich strapaziertes Wort. Und wenn man schon von Sünde spricht, soll Jesus dann davon frei gewesen sein - wo doch auch er Versuchungen und existentieller Schuld ausgesetzt war? Wir hören bei Sünde ja oft gleich: moralische Vergehen - und wenn wir an die immer häufiger aufgedeckten Missbrauchsfälle in den Kirchen denken, dann sind es ja auch sündige, moralische Vergehen. Kann Sünde noch etwas anders sein? Ist Sünde vielleicht die Wegwendung von Gott, der verzweifelte Versuch, nur auf sich selbst gestellt und manchmal vielleicht auch ohne Rücksicht auf Verluste durchs Dasein zu gehen?

 

Lag die Bedeutung des Jesus von Nazareth neben all dem, was er sagte und was er tat (und das war ja nicht wenig) darin, dass er sich nicht von Gott abwandte, sondern auch in der Gottesbeziehung blieb, als er Versuchungen ausgesetzt war? Ich frage mehr, als ich es behaupte. Aber möglicherweise hat der Hebräerbrief so gedacht und sah in ihm einen neuen Hohenpriester, der uns bei Gott im Himmel vertritt, weil er ohne Sünde blieb und sich für uns am Kreuz geopfert hat.

 

Liebe Gemeinde!

Es gibt Stimmen in der evangelischen Kirche, die meinen, man müsse die Teile des Glaubensgutes, das aus Inhalten wie Sünde, Opfer, Schuld besteht, hinter uns lassen und zu einem Glauben kommen, der ganz auf die Liebe Gottes aufbaut, die Frieden und Versöhnung will. Sozusagen ein schöneres, hoffnungsvolleres Christentum, das den ganzen alten Ballast, der ja tatsächlich auch viel Unheil angerichtet hat, hinter sich lässt.

 

Ich stieß dieser Tage auf diese Zeilen von Hermann Hesse, die sicher manche von Ihnen kennen („Stufen“):

Und jedem Anfang
wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt
und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter
Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie
an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht
fesseln, uns nicht engen.
Er will uns Stuf'
um Stufe heben, weiten.

Das sind Worte, deren Faszination sich keiner wird entziehen können: Der Zauber des neuen Anfangs, heiteres Durchschreiten der Lebensräume, nicht haften bleiben, sich vom Weltgeist Stufe um Stufe heben lassen. Und dann dachte ich, obwohl ich durchaus dem Zauber des Zukünftigen erliegen kann und durchaus frohgemut durchs Leben zu gehen meine: Irgendetwas stimmt nicht an diesem Daseinskonzept, das ein wenig an das gereinigte, hoffnungsvolle Christentum erinnert, von dem ich eben als Programm sprach. Knapp gesagt: Das Dilemma das Daseins ist doch so, dass wir nicht nur heiter durch Räume schreiten, dass wir nicht nur gut gelaunt auf das Neue warten, so dass wir leicht alle Fesseln ablegen können.

 

Ich muss die dunklen Daseinsräume jetzt gar nicht im Einzelnen benennen, ich muss nicht aus dem Nähkästchen des eigenen Lebens plaudern, wo nicht nur eitel Sonnenschein, sondern auch Schatten war, ich muss nicht Beispiele von Einsamkeit, Leid, Verzweiflung, Hass, Krankheit und Schuld bringen.

 

Jeder feinfühlige Mensch wird zugeben, dass es diese Seiten des Lebens eben auch gibt, häufig aufgrund menschlicher Schuld und menschlichen Versagens - aber manchmal eben auch schicksalhaft, tragisch, Lebenstragödien.

 

Und an dieser Stelle gewinnen dann die alten Worte und die alten Bilder, die die Bibel gebraucht, auch wenn wir sie manchmal abschütteln wollen wie Staub von unseren Füßen, doch eine Tiefe und eine Einsicht, die wir nicht durch ein neues Optimismusprogramm überwinden können. Nein, es gehört zum schönen, zum angenehmen Leben, auch das Stürzen mitzudenken - und es gehört zum nicht-schönen Leben, auch das schöne wenigstens zu erahnen.

 

Sind das die Himmelsräume, die Christus nach dem Hebräerbrief durchschritten hat, um Gott ganz nahe zu sein, aber auch, um uns ganz nahe zu sein, damit wir nicht verzweifeln? Und die äußerst schwierige Redeweise davon, dass Gott das Opfer Christi wollte, könnte ja darauf verweisen, dass es ein nur heiles, helles Gottesbild nicht gibt, sondern auch ein dunkles, rätselhaftes und vielleicht sogar abschreckendes. Weil auch das Dunkle zu Gott gehört, kann Dunkel vielleicht auch gemindert werden.

 

Mit diesen Gedanken sind wir mittendrin in dem, was die Kirchenjahreszeit uns ans Herz legt: der Weg Christi in die Passion, in das Leiden. Um unsertwillen. Nicht, um uns zu knechten, sondern um uns beschützt durch ein Leben gehen zu lassen, das nicht nur eitel Sonnenschein ist.

 

Noch einmal der Hebräerbrief:

„So lasst uns nun mit freudiger Zuversicht vor den Gnadenthron treten, um Barmherzigkeit zu empfangen und Gnade zu finden - Hilfe zur rechten Zeit.“

Amen

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Das Himmelreich ist einem Grundbesitzer vergleichbar, der sich früh am Morgen aufmachte, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Nachdem er sich mit den Arbeitern auf einen Denar Tageslohn geeinigt hatte, schickte er sie in seinen Weinberg. Als er gegen neun Uhr wieder zum Markt kam, sah er andere herumstehen, die arbeitslos waren. Zu diesen sagte er: Auch ihr könnt in den Weinberg gehen, und ich werde euch bezahlen, was euch zusteht. Und sie gingen hin. Gegen zwölf und drei Uhr ging er noch einmal hin und handelte genauso. Als er gegen fünf Uhr noch einmal hinkam, traf er auf weitere Herumstehende und sagte zu ihnen: Warum steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum? Sie antworteten: Uns hat niemand angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr hin in den Weinberg!

Am Abend sagte der Weinbergsbesitzer zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und zahl ihnen ihren Lohn aus – erst den zuletzt Gekommenen, dann den früher Gekommenen. Die um fünf Uhr Angeworbenen kamen und erhielten je einen Denar. Als die an der Reihe waren, die als Erste angefangen hatten, dachten sie, sie würden mehr erhalten; doch auch sie bekamen je einen Denar. Daraufhin wandten sie sich meuternd an den Grundbesitzer und sagten zu ihm: Die zuletzt Gekommenen haben nur eine Stunde gearbeitet und du hast sie uns gleichgestellt; dabei mussten wir doch den ganzen Tag lang schuften und die Hitze ertragen. Der gab einem von ihnen zur Antwort: Freund, ich behandle dich nicht ungerecht. Hatten wir uns nicht auf einen Denar geeinigt? Nimm, was dir zusteht, und dann geh! Ich will dem Letzten hier genau so viel geben wie dir.

Bin ich etwa nicht frei, mit meinem Eigentum nach meinem Willen zu verfahren? Willst du wirklich so finster dreinblicken, weil ich gütig bin? Die Letzten werden also Erste sein und die Ersten Letzte.[1]

 

Predigt über Matthäus 20,1–16

 

Liebe Gemeinde!

 

„Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg.“ So werden die Worte des eben gehörten Textes häufig bezeichnet. Die meisten unter uns werden sie kennen, und ich meine, wir sollten eines gleich hinzufügen: Es ist auch ein Gleichnis von den Arbeiterinnen im Weinberg. Das so zu sagen, dafür sprechen drei Beobachtungen: Es ist ja eine von Jesus erzählte Geschichte, die ein Gleichnis über das Himmelreich sein will. Und gerade bei Jesus gehören die Frauen da mit hinzu. Und die Geschichte selbst setzt ja eine bestimmte gesellschaftliche Situation voraus: nämlich Arbeitslosigkeit, und die wird nicht nur Männer betroffen haben. Und schließlich: Arbeit im Weinberg, etwa die Weinlese, ist bis zum heutigen Tag auch Frauenarbeit.

 

Dies nur als Vorbemerkung, um wieder einmal darauf aufmerksam zu machen, dass der männlich geprägte Sprachgebrauch unserer Bibelübersetzungen zu einem falschen Hören verleiten kann. Aber auch wenn wir diese Vorbemerkung sicher verstehen werden, die eigentlichen Probleme dieses Textes sind damit noch nicht berührt. Eigentlich ist das einer von den Texten, die auf Jesus zurückgehen, die man an einem Bibelabend miteinander meditieren und diskutieren müsste. Ich verhehle auch nicht, dass es einer von meinen Lieblingstexten ist – und doch fällt mir eine Predigt darüber gar nicht so leicht. Woran liegt das? Ich will versuchen, das zu erklären.

 

Es handelt sich ausdrücklich um ein Gleichnis. Ein Gleichnis für das Himmelreich, wie Jesus es verstanden und gepredigt hat. Das heißt, wir müssen untersuchen, was Jesus denn mit diesem Gleichnis über das Himmelreich oder Gottesreich aussagen wollte. Und es handelt sich um eine konkrete Geschichte, die von Arbeitslosigkeit und Entlohnung nach stundenweiser Arbeit erzählt. Die Schwierigkeit, so scheint mir, liegt darin, beides zu berücksichtigen: zwischen dem Bild vom Himmelreich und der fast reportageartig gestalteten Geschichte eine Brücke zu bauen. Jesus hat auch andere Gleichnisse erzählt, die ein Bild vom Himmelreich zeichnen wollen – aber es gibt kaum ein so plastisches und vielleicht auch provozierendes wie dieses.

 

Sehen wir uns die konkrete Geschichte noch einmal näher an, stellen wir uns vielleicht sogar vor, sie stünde nicht in der Bibel, sondern sie liefe als Reportage in einem Fernsehprogramm. Was sehen wir? Einen Marktplatz oder Dorfplatz in einer kleinen Stadt. Arbeitslose Männer und Frauen stehen herum, vielleicht sitzen die Männer zeitweise beim Würfelspiel vor der schäbigen Kneipe des Städtchens, während die Frauen am Brunnen kleine Gruppen miteinander bilden. Eine heruntergekommene Gesellschaft! Kameraschwenk: Ein besser gekleideter Herr kommt am frühen Morgen in einem Wagen der gehobenen Klasse vorgefahren, dahinter ein Kleinbus, redet mit einer Gruppe dieser Gestalten, man diskutiert. Es gebe Arbeit für einen Tag für den und den Lohn! Kurze Zeit später besteigen einige den Kleinbus, und wenig später sehen wir, wie sie mit der Arbeit im Weinberg angefangen haben.

 

Dasselbe passiert noch viermal an diesem Tag, und schließlich ist der Marktplatz wie leergefegt von den Arbeitslosen. Fünfmal war der Boss des Weinbergs höchstpersönlich da, und fünfmal brachte der Kleinbus Menschen zur Arbeit in den Weinberg. Am Abend stehen alle vor dem Büro des zu den Weinbergen gehörenden Gutshauses, und diesmal kommt nicht der Chef selbst, sondern einer seiner Verwalter. Und es geschieht das Unfassbare: Jeder bekommt denselben Lohn, ob der nun länger oder kürzer gearbeitet hat. Die, die die ganze Tageshitze lang geschuftet haben, begehren auf: Das könne doch nicht sein, dass sie nur dasselbe bekämen wie gerade die, die nur kurz gearbeitet haben. In dem Lärm, der entsteht, erscheint noch einmal der Chef selbst und sagt ziemlich autoritär: Es gebe keinen Grund zum Murren, die Bedingungen zur Einstellung seien klar gewesen, und im Übrigen habe er das Recht, mit seinem Vermögen zu machen, was er wolle.

 

Heute würde man bei einem solchen Sachverhalt sicher noch ein paar Interviews machen: mit dem Chef oder seinem Verwalter, mit den Arbeiterinnen und Arbeitern, und vielleicht auch noch mit einem Gewerkschaftsfunktionär. Aber die wollen wir uns jetzt schenken.

 

Und das soll ein Bild für das Himmelreich sein? Gott ein autoritärer Chef, der alle Maßstäbe von Gerechtigkeit über Bord wirft? Wie können welche, die kürzer arbeiten, dasselbe bekommen wie andere, die viel länger geschuftet haben? Das geht doch nicht und kann nicht sein. Und, ganz klar: bei einem solchen Verfahren würde man doch lieber zu denen gehören, die erst als letzte angeworben worden sind: Die haben’s doch viel besser. Und überhaupt: das zeigt doch mal wieder, dass dieser Jesus ein wenig weltfremd war, wenn er solche Geschichten vom Stapel lässt.

 

Es gibt in den Kommentaren, und seien sie noch so kritisch, keinen Zweifel daran, dass diese merkwürdige Geschichte eine ist, die auf Jesus selbst zurückgeht. Und vielleicht verstehen wir jetzt schon für einen Moment, worum einer, der solche Beispiele bringt, mit den Autoritäten seiner Zeit anecken musste und ihnen mehr als lästig war. Kann man denn solche Bilder gebrauchen, um etwas vom Reich Gottes zu erzählen? Vielleicht verdeutlichen wir uns, dass diese Geschichte wiederum in einem doppelten Rahmen erzählt wurde. Der eine Rahmen ist der jüdische Glaube der damaligen Zeit, der meinte, dass die von Gott besonderen Lohn erwarten dürfen, die auch ordentlich etwas vor Gott tun. Wie etwa die Pharisäer, die stolz darauf waren, noch mehr zu tun, als die Tora, das Gesetz des Alten Testaments, ihnen vorschreibt. Und der andere Rahmen ist der konkrete gesellschaftliche, der zur Zeit Jesu davon gekennzeichnet war, dass viele keine Arbeit hatten, nicht einmal das Existenzminimum, weil einige wenige viel besaßen.

 

Ist Gott im Bilde Jesu ein autoritärer Chef, der macht, was er will? Ich glaube, wir ahnen schon, was zu sagen ist: Gerade Jesus spricht, erzählt und lebt von einem Gott und für einen Gott, dem der Gedanke: Was kann ich an besonders Verdienstvollem für ihn tun, zuwider ist. Jesus ist erfüllt von einem Gottesbild, in das hinein jeder Mensch gerufen ist – ohne Unterschied des Geschlechts, der Begabungen, des Bildungsstandes und der Höhe des Kontos. Das ist das Reich Gottes, das Jesus angebrochen sieht. Es klingt ein bisschen zu einfach, wenn wir sagen: vor Gott sind alle Menschen gleich, weil es Jesus schon darauf ankommt, dass der Mensch, wer auch immer er ist, dieses Reich Gottes in sich hineinlassen muss – und das bleibt nicht folgenlos, auch Jesus spricht vom Gericht über die, die Gott nicht aufnehmen. Aber die große Zusage Gottes, wie Jesus ihn sieht, ist die, dass jeder, der guten Willens ist, dann auch der Güte Gottes gewiss sein kann: mit seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten. So ist das Himmelreich, sagt Jesus: alle sind zu ihm eingeladen und keinem darf die Einladung verwehrt werden. An dieser Stelle bleibt mir nichts anderes zu sagen als dieses: Wir Christinnen und Christen müssen diesen umfassenden Einladungscharakter des Gottesreiches immer wieder neu durchbuchstabieren und uns fragen, ob wir ihn denn ernst nehmen auch in der Kirche und ob wir auch denen eine Chance geben wollen, die guten Willens sind, aber vielleicht nicht so weit oben stehen auf den Hierarchien und sozialen Rangskalen.

 

Aber wir können bei diesem Gleichnis auch die konkrete Geschichte, die erzählt wird, nicht übergehen, ja, wir müssen begreifen, dass bei Jesus die konkreten Geschichten, die erzählt werden, in eine Beziehung gesetzt werden zum Himmelreich. Beide Rahmen sind gleichberechtigt: der religiöse und der soziale. Und es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Jesu Predigt vom jedem offenen Himmelreich, wenn er denn guten Willens ist, auch auf die konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse einwirken wollte: und das hieß, Änderung der sozialen Lage der Benachteiligten, Hoffnung auf bessere Lebensverhältnisse. „Eher passt ein Kamel durch ein Nadelöhr als dass ein Reicher in das Himmelreich kommt.“ Auch das hat dieser Jesus gesagt.

 

Es liegt so unendlich nahe, liebe Gemeinde, die Beziehung dieses konkreten Teils des Gleichnisses in unsere Zeit hinein zu versuchen. Und ich mache keinen Hehl daraus, dass für mich dieses Gleichnis als Utopie schon in dem Gedanken gipfelt, dass alle Menschen für ihre Arbeit den gleichen Lohn bekommen. Unmöglich, werden manche unter uns auch denken. Das scheinbar autoritäre Handeln des Weinbergbesitzers könnte man ja auch so interpretieren: Jeder bekommt so viel, wie er zum Leben braucht – und im Prinzip ist das für jeden Menschen gleich. Und wenn er dann noch länger als andere etwas Sinnvolles getan ist, ist doch prima – aber es muss sich nicht in Heller und Pfennig auszahlen, wie wir zu denken gewohnt sind.

 

Ich weiß, dass die ganze Diskussion über andere Einkommensverhältnisse, die denkbar wären, in unserer Gegenwart auf wenig fruchtbaren Boden fällt, auch wenn es eine Diskussion über das sogenannte Grundeinkommen gibt. Aber als Stoff für Diskussionen zu Hause mache ich doch gern auf ein paar Punkte aufmerksam. Der wichtigste ist vielleicht die Erkenntnis, dass wir, zumindest in den Industriestaaten, an einem Punkt angekommen sind, wo wir feststellen müssen, dass die vorhandene Arbeit, wie sie jetzt verteilt ist, nicht mehr ausreicht. Entweder sie wird von Maschinen erledigt, die billiger sind als Menschen, oder sie geschieht noch dort, wo Menschen weniger für ihre Arbeit bekommen. Und wir müssten eine Dauerdiskussion darüber führen, was denn mit den vielen Arbeitslosen geschehen soll, was mit denen, deren Rente nicht ausreicht oder die von Altersarmut betroffen sind.

 

Steuerreform, Rentendiskussion, Sparen im Gesundheits– und Sozialwesen: die Stichworte sind ja allgegenwärtig – aber die wirkliche Frage: wie kann es denn gesellschaftlich sinnvoll und sozialverträglich angesichts der weniger werdenden Arbeit zugehen, die wird zwar derzeit von einer bekannten Partei gestellt – aber ob sich etwas ändert, steht auf einem anderen Blatt. In Jesu Gleichnis bekommt jeder genug, auch wenn die murren, die länger gearbeitet haben. Und so kommt es mir in der Gegenwart auch so vor, als würden nur diejenigen mit allen sogenannten Reformen belohnt, die den alten Lohngedanken vor sich hertragen: wir tun doch auch mehr, also sollen wir auch mehr haben. Sie, liebe Gemeinde, werden es auch mitbekommen haben: Daimler-Chef Zetsche bekommt 4200 € Rente – und das Tag für Tag! Frage: Was macht einer eigentlich mit so viel Geld? Noch besseres Essen, noch schickere Autos, noch mehr Besitz irgendwo im Süden?

 

Und die anderen? Die mit viel weniger auskommen müssen, sind doch selber schuld! Das ist ein Trugschluss, und er landet dann manchmal bei der schlimmen Gleichung: hätten wir weniger Ausländer im Land, dann sähe alles besser aus. Sie merken, ich komme ein wenig in Fahrt, und das liegt nicht daran, weil ich eine Patentlösung hätte, sondern weil ich in der Tat meine, dass zumindest ein christliches Nachdenken angesichts der Geschichten Jesu über die gesellschaftliche Wirklichkeit nottäte. Die verstorbene Theologin Dorothee Sölle hat in ihrem immer noch lesenswerten Buch „lieben und arbeiten – eine Theologie der Schöpfung“ 1985[2] geschrieben: „Die Lohndifferenz zwischen Reinmachefrau und Chefarzt in einem Krankenhaus könnte – ohne Qualitätsverlust – auf ein vernünftiges Maß, etwa 1:7, gesenkt werden.“ Ich habe mal recherchiert, was ein Chefarzt verdient: Etwa 24000€ im Monat. Nach Dorothee Sölles Vorschlag müsste die Reinmachefrau also 3450 € bekommen!

 

Die Lohngerechtigkeit betrifft auch die großen Kirchen, bei denen ich manchmal den Eindruck habe, dass sie so etwas wie religiös verbrämter öffentlicher Dienst sind. Was ich vermisse, ist in diesem Zusammenhang die Frage, ob nicht die Kirchen beispielhaft für die ganze Gesellschaft andere Modelle von Entlohnung durchdenken könnten. Die, die heute überhaupt etwa als junge Pastorinnen und Pastoren noch einen Arbeitsplatz bekommen, müssen sich mit weniger zufrieden geben. Ist es vorstellbar, dass auch die, die noch alles haben, auf einen Teil verzichten, um anderen etwas zu geben? Müssen wir in der Kirche das ganze System der Gehaltshierarchien des öffentlichen Dienstes haben? Ich habe das Gefühl, darüber wollen die nicht nachdenken, die zumindest noch die privilegierten sind. Sie können ja auch sagen, wie im Gleichnis: Wir haben ja auch früher angefangen zu arbeiten...

 

Das Gottesreich ist allen offen, die guten Willens sind, und es hat etwas mit den konkreten gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun. So fasse ich mein Nachdenken über dieses revolutionäre Gleichnis zusammen. Beides lässt sich schwer voneinander trennen.

 

Im Großen und Ganzen habe ich mir in meiner Predigt die traditionelle Auslegung des Gleichnisses zueigen gemacht, die das Verhalten des Weinbergsbesitzers mit Gottes Sicht auf uns gleichsetzt. Die 2015 verstorbene Theologin Luise Schottrof, die sich besonders mit sozialgeschichtlichen Fragen zum Neuen Testament befasst hat, sieht das in ihrem spannenden Buch „Die Gleichnisse Jesu“[3] ganz anders. Sie skizziert die Wirklichkeit des Gleichnisses eingebettet in die Herrschafts– und Ausbeutungsstrukturen des Römischen Reiches – Galiläa zur Zeit Jesu war ja von den Römern besetzt. Sie schreibt: „Die Güte des Grundeigentümers bewegt sich in einem engen Rahmen. Er zahlt den ortsüblichen Arbeitslohn, zahlt ihn auch korrekt am Abend des Arbeitstages. Aber die Arbeitslosen werden durch den unerwarteten vollen Arbeitslohn nur für einem Tag von dem Überlebenskampf entlastet.“ Fazit: Der Weinbergsbesitzer handelt nur in seinem Interesse – von großer Güte kann nicht die Rede sein. Schottrof meint deshalb, dass die Geschichte keine Gleichsetzung Gott/Weinbergsbesitzer verträgt, sondern antithetisch verstanden werden muss: Bei Gott verhält es sich nicht so wie beim Weinbergsbesitzer, sondern anders. Eine interessante Wendung, die vielleicht nachher zum Diskutieren anregt…

 

Noch einmal zurück zur eher traditionellen Gleichsetzung: Es fällt auf, dass in dem Gleichnis am Anfang und am Schluss der „Chef“, wie ich ihn nannte, erscheint – nur einmal taucht der Verwalter auf. Ob Jesus selbst sich für diesen gehalten hat? Sah er seine Aufgabe in der Verwaltung der Dinge Gottes und trug sie so an die Menschen heran? Das könnte sein, denn er lebte das angebrochene Gottesreich und wollte die Menschen anstiften, in es einzutreten. In seinem Namen sind wir aufgefordert, ohne Murren und im Vertrauen auf den Gott, der alle einlädt, die Botschaft von den Arbeiterinnen und Arbeitern im Weinberg immer wieder neu zu durchdenken und zu leben. Das ist keine einfache Aufgabe und doch vielleicht um der Menschen willen lohnend. Amen.

[1] Eigene Übersetzung.

 

[2] Dorothee Sölle, lieben und arbeiten – Eine Theologie der Schöpfung, Stuttgart 1985, S. 84.

 

[3] Luise Schottroff, Die Gleichnisse Jesu, 2. Auflage, Gütersloh/München, 2007, S. 274 ff.