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Jörg Scholz

Osterpredigt 2019 über Johannes 20, 11- 18

“Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.” Das ist die alte Freudenbotschaft des Ostersonntags. Als Epistellesung und als Evangelium haben wir schon zwei Ostertexte gehört: Die Worte aus dem 1. Brief nach Korinth des Apostels Paulus mit der beeindruckenden Liste der Osterzeugen: angefangen von Petrus bis hin zu Paulus selbst.[1] Dann das Markus-Evangelium mit dem Gang der drei Frauen zu der leeren Grabkammer und der Verheißung, in Galiläa würden Petrus und die Jünger und Jüngerinnen den Auferstandenen sehen. Und dem merkwürdigen Abschluss des Evangeliums: „Da verließen sie fluchtartig das Grab, von Zittern und Entsetzen erfasst; und sie sagten niemandem etwas, denn sie hatten Angst.“[2]

 

Und nun der Predigttext für den heutigen Ostersonntag aus dem 20. Kapitel des Johannes-Evangeliums:

 

Maria aber stand weinend draußen vor der Grabkammer. Immer noch weinend, warf sie einen Blick in die Grabkammer. Da sieht sie zwei weiß gekleidete Engel an der Stelle sitzen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte: einen am Kopfende und einen am Fußende. Die fragen sie: Warum weinst du, Frau? Sie gibt ihnen zur Antwort: Sie haben doch meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.

Nach diesen Worten drehte sie sich um. Sie sah Jesus dastehen. Aber sie erkannte ihn nicht. Da sagt Jesus zu ihr: Warum weinst du, Frau? Wen suchst du? In der Meinung, es sei der Gärtner, antwortet sie ihm: Herr, wenn du ihn weggetragen hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast, damit ich ihn holen kann!

Jesus spricht sie an: Maria! Mit einem Schritt auf ihn zu sagt sie auf Aramäisch zu ihm: Rabbuni! - das heißt ’Meister’. Da sagt Jesus zu ihr: Berühre mich nicht, denn ich bin noch nicht zum Vater emporgestiegen! Aber geh zu meinen Brüdern und Schwestern und sag ihnen: Ich steige zu meinem Vater und eurem Vater empor, zu meinem Gott und eurem Gott!

Nun geht Maria Magdalena zu den Jüngern und berichtet ihnen: Ich habe den Herrn gesehen! - und was er ihr gesagt hat.”

(Johannes 20, 11-18)[3]

 

Einig sind sich alle drei Texte darin, dass es nach dem Kreuzestod Jesu Erfahrungen gegeben haben muss, die in dem Bekenntnis der jungen Christinnen und Christen gipfelten: Jesus ist nicht im Grab geblieben, er ist auferstanden, er lebt, er ist den Seinen nahe. Nun könnte ich analysierend an die drei Texte herangehen und darauf aufmerksam machen, dass das Neue Testament nicht frei von Widersprüchen ist. War Petrus der erste Zeuge der Auferstehung – oder eben Maria Magdalena, wie es das Johannes-Evangelium darstellt? Ich könnte anmerken, dass die Kirche ihre eigenen Gründungstexte so wenig ernst genommen hat, dass sie Maria Magdalena als Auferstehungszeugin so gut wie nicht würdigte. Ich könnte darauf hinweisen, dass Paulus offensichtlich nichts von einem leeren Grab weiß (oder es ihn nicht interessiert), während die Evangelien davon sprechen. Ich könnte mir vor Ihnen und mit Ihnen den Kopf darüber zerbrechen, ob es angemessener ist, Ostern von der Auferweckung Christi durch Gott zu reden oder die Ausdrucksweise von der Auferstehung Christi zu gebrauchen, die den Anschein erweckt, als sei Jesus Christus das Subjekt der Auferstehung.

 

Diese und vielleicht noch andere Fragen haben sicher ihre Berechtigung. Aber mir scheint, sie blieben eben auf einer rationalen, denkerischen Ebene – und die Osterbotschaft ginge bei verloren.

 

Ich versuche anhand des Johannestextes einen anderen Zugang als den mit nüchternem Sachverstand und gehe dem Text des Johannes-Evangeliums nach. Doch da ist zunächst überhaupt nichts von österlicher Freude. Da ist von Trauer die Rede. Maria Magdalena weint. So wie wir weinen, wenn wir einen nahen Menschen verloren haben; so wie wir traurig sind, wenn Menschen um uns herum schwer erkrankt sind oder eine Demenz deren Leben in Grautöne einhüllt. Oder unsere Fassungslosigkeit angesichts der menschengemachten Gewalt in der Welt eingestehen müssen. Es scheint näher zu liegen, Bilder von Tod und Elend zu zeichnen als von Hoffnung und Heil.

 

Und so weint auch Maria: Über den Verlust des Menschen Jesus von Nazareth, der sie einstmals geheilt hatte und dem sie bis nach Jerusalem nachgefolgt war. Ein Bündnis von römischer Besatzungsmacht und den jüdischen Tempelautoritäten hatten den, der doch Frieden unter den Menschen wollte und von einem neuen, anbrechenden Gottesreich gesprochen hatte, als politischen Verbrecher den schändlichen Kreuzestod sterben lassen. Maria weint, weil sie doppelt trauern muss: Ein geliebter Mensch ist ermordet worden – und ein großer Aufbruch hin in eine gerechtere Welt ist jäh abgebrochen worden.

 

Und dann noch dies: Der in die Grabkammer gelegte Leichnam ist verschwunden, nicht einmal im Tod ist Frevel auszuschließen. Zwei Engel versuchen zu begreifen, warum Maria weint und sie kann ihnen gegenüber ihre Bestürzung zum Ausdruck bringen. Aber auch diese Engel können ihr nicht wirklich helfen – sie können einfach nur zuhören. Dann sieht Maria eine Gestalt, von der sie glaubt, es sei vielleicht der Gärtner, der Jesus in ein anderes Grab umgebettet hat.

 

Das Unfassbare, das dann geschieht, wird nur angedeutet: Der, den sie eben noch für den Gärtner hielt, spricht sie mit ihrem Namen an: Maria! Und dann begreift sie, dass es Jesus ist, der sie anredet, und nennt ihn: Meister! Berühren darf sie ihn nicht, denn er ist – in der Sprache des Johannes-Evangeliums – noch nicht zum Vater emporgestiegen. Aber sie bekommt den Auftrag, zu den Brüdern und Schwestern zu gehen, und ihnen zu sagen: „Ich steige zu meinem Vater und eurem Vater empor, zu meinem Gott und eurem Gott!“ – und ihnen zu berichten, dass sie den Herrn gesehen hat.

Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass im Johannes-Evangelium zwei das Evangelium prägende Linien sehr häufig parallel laufen: Der Verfasser (oder waren es mehrere?) tut so, als sei er direkt dabei gewesen (wie ein Reporter, der alles genau beobachtet) – und dann springt der Evangelist auf eine andere Ebene, die ich eine poetische oder vielleicht auch mystische nennen möchte. Die erste Ebene, die Reporterebene, ist manchmal so holzschnittartig, dass sich die Antwort auf die Frage, ob sich alles so zugetragen hat, wie berichtet wird, fast von selbst einstellt: Nein, so war es wohl nicht – und letztlich ist diese Ebene auch zweitrangig. Die zweite, die poetische, mystische Dimension ist die wichtigere – und über sie mag ein Funken überspringen zu den Hörerinnen und Hörern 1900 Jahre später.

 

Das greift der in Amerika lebende deutsche Schriftsteller Patrick Roth auf. Er nennt das, was in und mit Maria Magdalena vor sich geht, die „Magdalensekunde“. Roth vermutet, Maria sei schon an Jesus vorbeigelaufen, um nach dem anderen Grab zu suchen. Ich zitiere nun Patrick Roth:

 

Aber jetzt: jetzt wendet sich etwas. Denn das Vorbeilaufen erst der Magdalena lässt Jesus sich wenden. Er dreht sich um nach ihr. …

„Maria.“ …

Es ist das entscheidende Mal, dass sie sich wendet und in diesem Sich-Wenden verwandelt wird. ... .Das heißt, sie wird von einer, die ihn nicht mehr kannte, nur lebend den Toten suchte, ihm „tot“ war, verwandelt in eine, die ihn erkennt – ihn zum zweiten Male gebiert: denn hier ist es, in den Augen dieser leibhaftig sehenden Frau, kommt er zur Welt, als Auferstandener jetzt. Und damit wird Magdalena selbst zu einer Auferstandenen – in diesem ihrem Moment der Bewusstwerdung.
Die Magdalenensekunde: das ist die Sekunde der Wiedererkennung: Mensch und Gott werden einander wieder bewusst.
[4]

 

In der Magdalenensekunde erkennt sie auch, wer er wirklich ist, Rabbuni, der auferstandene Herr der Welten, der Sohn Gottes, Gott selbst. Johannes will seinen Lesern Magdalenas blitzartige Erkenntnis klarmachen, dass Jesus Gott ist. Und darum wendet sie sich ab. Sie muss sich abwenden, denn: „Keiner hat Gott je gesehen“. „Es geht um den Unterschied des Vorher und Nachher. Jesus ist nicht einfach wieder lebendig geworden und derselbe, der er vor seinem Tod gewesen war. Er ist ein anderer.“ Das schreibt ein Autor zum Text von Patrick Roth.

 

Ich füge eine Zwischenbemerkung ein: Ob es Petrus war oder Maria Magdalena oder ein anderer oder eine andere der eben angesichts des Kreuzes noch unendlich traurigen und niedergeschlagenen Jesus-Anhänger, das ist letztlich nicht wichtig. Eine oder mehrere müssen damals in der „Magdalenensekunde“ die alles verändernde Erfahrung gemacht haben, dass Gott den Gekreuzigten nicht in dem Grab gelassen hat, das seine Richter ihm geschaufelt haben. Sondern: Dass Gott sich gerade zu diesem Gescheiterten am Kreuz bekennt und ihn in eine neue Identität hinein verwandelt, die aus Jesus den Christus werden ließ. Diesen Moment der Verwandlung, der Auferstehung, hat auch Maria in einer Begegnung mit dem Ewigen erfahren.

Ein Kollege von mir aus der Ukraine hat unseren Text so zusammengefasst: „Maria löst sich aus diesem Augenblick der Ewigkeitsbegegnung; sie lässt los und sie nimmt auf. Sie lässt den los, den sie nicht halten kann, weil sie ihn nicht berühren darf. Sie lässt ihre Trauer los, denn sie hat etwas anderes dafür bekommen. Sie nimmt Abschied von der Vergangenheit und begrüßt die Zukunft. Denn sie hat einen Auftrag: weitersagen. Die Botschaft von der Überwindung des Todes weitersagen. Die Botschaft vom Leben weitersagen. Die Botschaft von Gottes Liebe weitersagen. Die Geschichte ihrer Begegnung weitererzählen, so, dass die anderen sich dieser Botschaft anschließen können.“

Maria Magdalena ist in der Sprache Roths selber eine Auferstandene. Vielleicht werden sich manche unter uns über diese Formulierung wundern – aber wie anders kann die Brücke zu etwas, das 2000 Jahre zurückliegt, überwunden werden, wenn nicht etwas – und sei es noch so bruchstückhaft – bei uns selbst geschieht? Vielleicht gehen wir manchmal zu zaghaft mit unseren eigenen Glaubenserfahrungen um, vielleicht bleiben wir allzu oft, weil zu viel Leid um uns ist, in der Trauer stecken und überhören den österlichen Protest gegen dieses Steckenbleiben.

 

Ich möchte folgende These wagen: Ostern ist das Fest von der Verwandlung: Jesus wird von der historischen Person aus Nazareth zum Christus des Glaubens verwandelt. Und die, die ihm nachfolgen, werden gleichfalls verwandelt: Paulus vom Verfolger der jungen christlichen Gemeinde zum Apostel der Völker, Petrus vom Verleugner zum Glaubenszeugen, der für Christus des Märtyrertod stirbt, die Frauen am Grab, die Zittern und Entsetzen gepackt hatte, werden zu Jüngerinnen Christi. In späteren Texten wird von Maria Magdalena gesagt: „Du bist begnadet vor allen Frauen auf Erden, weil du die höchste Fülle und höchste Vollendung sein wirst.“

 

Im Sprung über die Zeit des Anfangs bis heute wäre nach Beispielen zu suchen, wo sich Verwandlung ereignet hat – oder wo sie herbeigesehnt wird: Im persönlichen wie im gesellschaftlichen und politischen Bereich. Entscheiden Sie, liebe Gemeinde, selbst, ob die folgenden Aussagen Auferstehungserfahrungen andeuten:

 

- Ein Kollege von mir in meiner hessischen Heimat war lebensgefährlich erkrankt, wachte dann aus dem Koma wieder auf – und ist bis zur Stunde geheilt.

- Ein vormals Drogenabhängiger kann sich von seiner Sucht befreien und wird zu einem begabten Musiker.

- Muslimische Nachbarn werden zu Freunden, die traumatisierte Frau und Mutter von drei Kindern kann nun wieder lachen.

- Nach jahrelangem Grenzkrieg mit vielen Toten schließen Äthiopien und Eritrea im Juli 2018 Frieden.

- Zum ersten Mal seit dem Zerfall Jugoslawiens besucht im vergangenen März ein griechischer Ministerpräsident den Nachbarstaat, der jetzt Nordmakedonien heißt.

- Die Forderungen des Volksbegehrens „Rettet die Bienen“ in Bayern sollen Gesetzeskraft erlangen.

- Die Aktion „Fridays for Future“, Freitage für die Zukunft, erreicht immer mehr junge Menschen.

- Schlagzeile nach dem furchtbaren Brand in Notre-Dame in Paris: „Notre-Dame wird auferstehen“

 

Das waren einige, subjektiv zusammengestellte „Magdalenensekunden“. Sie haben nicht unbedingt einen Bezug zum biblischen Ostergeschehen. Aber sie deuten ermutigende Veränderungen an, über die ich mich als Christ freuen kann.

In ihrer eigenen Sprache singen alle Choräle dieses Ostersonntags von der „Magdalenensekunde“, der österlichen Verwandlung. „Nunmehr steht der Himmel offen, wahrer Friede ist getroffen“ werden wir gleich in der 3. Strophe des nächsten Osterliedes singen.[5] Wie schön wäre es, wir ließen uns einen Moment lang von dem zu Gott hin offenen Himmel bezaubern. Ostern eben. Amen

[1] 1. Korinther 15, 1-55

[2] Markus 16, 1-8

[3] eigene Übersetzung

[4] Patrick Roth, Magdalena am Grab (2002)

[5] „Jesus unser Trost und Leben“ (EG 552)