Predigt am 8. Februar 2026 in St. St. Lorenz über Lukas 8,4-8
„Als sich aber eine große Menschenmenge versammelte und sie aus jeder Stadt zu ihm hinkamen, gebrauchte Jesus ein Gleichnis: Der Sämann ging hinaus, um seinen Samen zu säen; und beim Säen fiel einiges daneben auf den Weg und wurde zertreten und die Vögel des Himmels pickten es auf. Anderes fiel auf Felsboden und kaum war es aufgegangen, vertrocknete es, weil ihm Feuchtigkeit fehlte. Anderes fiel mitten unter die Disteln, und als die Disteln mit ihm heranwuchsen, erstickten sie es. Und anderes fiel auf guten Boden und ging auf und brachte hundertfache Frucht. Bei diesen Worten rief Jesus: Wer Ohren zum Hören hat, der höre!“
„Wer Ohren zum Hören hat, der höre“ – so endete das eben gehörte Gleichnis vom Sämann. Dieses merkwürdige Wort Jesu taucht in den Evangelien des Öfteren auf. Was sollen wir denn sonst machen mit unseren Ohren, sie sind doch zum Hören da? Aber vielleicht ist es doch manchmal gut, daran zu erinnern, die uns Menschen geschenkten Sinne auch wirklich zu öffnen. Kennen wir nicht alle die Formulierung „die Ohren auf Durchzug stellen“? Einfach überhören, was mein Gegenüber sagt… Uns vertraute Situationen, und da finden wir die Aufforderung: „Wer Ohren hat, der höre“ schon gar nicht mehr so merkwürdig oder gar albern. Man hat sie auch als „Weckformel“ bezeichnet, und in der Tat meint sie wohl einen Appell, die Ohren wirklich zu öffnen, wirklich hinzuhören. Was sollen wir hören?
Nun, auch das ist gesagt, wieder einmal ein Gleichnis Jesu, eine Bildgeschichte. 39 Gleichnisse sind von Jesus in den Evangelien einschließlich des nicht in unsere Bibeln aufgenommenen Thomas-Evangeliums überliefert worden. Es ist schwer zu entscheiden, wie weit sie tatsächlich alle auf den historischen Jesus zurückgehen - aber das ändert nichts an der Feststellung, dass er ein wunderbarer Geschichten-Erzähler gewesen sein muss: Schöne Geschichten, poetische Geschichten, aber manchmal auch geradezu provozierende oder erschreckende Geschichten. Ja, man kann geradezu sagen, dass das Erzählen von Geschichten eine der markanten Formen gewesen ist, mit denen Jesus sich an seine Zeitgenossen wandte. Die anderen sind seine markanten Sprüche.
Dass er so viele Beispiel-Geschichten erzählt hat, hat sicher einmal seinen Grund darin, dass diese Form der Rede so gut in den Vorderen Orient passt, in ländliche Landschaften, wo es keine großen Bibliotheken gab wie in Griechenland oder Ägypten. Man erzählte sich Geschichten, man trug in Form von Geschichten das zusammen, was man von der Vergangenheit wusste. Sicher gab es in Jerusalem um den Tempel herum Gelehrte, die vieles aus der jüdischen Geschichte aufgeschrieben haben. So hatte man die Tora, die „Weisung“ Israels, und die Propheten, in den Gebetshäusern auf Schriftrollen - aber das Neue wurde in den Dörfern draußen in Geschichten erzählt. Und es scheint sich herum gesprochen zu haben, dass Jesus ein besonders begabter Geschichtenerzähler sein muss - denn die Leute aus den Städten kamen zu ihm aufs galiläische Land, wie Lukas es so schön schildert. Da gab es etwas zu hören, wenn die Ohren nur richtig geöffnet wurden!
Neben diesen ländlichen Gewohnheiten, die Jesus teilte, gab es mit Sicherheit noch einen anderen Grund für ihn, Geschichten zu erzählen. Er war ja Jude und er wollte etwas von Gott und seinem kommenden Reich sagen. Doch er achtete das erste Gebot: „Du sollst dir von Gott kein Bildnis machen“. Seine Gleichnisse sollten den Menschen Gott nahebringen. Aber sie sollten nicht der Versuchung unterliegen, sich ein Bildnis des nicht abbildbaren Gottes zu machen.
Jesu heutige Geschichte ist eine einfache, eine ländliche Geschichte - und sie passt so gut in karges Land. Sie erzählt von der Aussaat eines Sämanns, der damit rechnen muss, dass nur ein Teil des kostbaren Samens zwischen all den Steinen und Dornen und angesichts der Trockenheit und der gefräßigen Vögel Frucht bringen wird. Ja, so war es damals - und so ist es in manchen Ländern der Erde auch noch heute: keine künstliche Bewässerung, kein Dünger, keine Saatmaschinen. Ein Mensch geht über karges Land und wirft den Samen aus in der Hoffnung, dass er irgendwann Ertrag bringt. Er kann sein Werfen nicht so lenken, dass die säende Bewegung nur auf die Fleckchen Erde zielt, die fruchtbar zu sein scheinen, und gegen das Wetter und die Vögel ist er ohnehin machtlos. Ist es Gott, der sät, ist es Jesus selbst - wir wissen es nicht oder können es nur annehmen.
Das Lukas-Evangelium (und auch Markus und Matthäus) schließen an das Gleichnis eine Auslegung Jesu an. Und da sagt er: „Der Same ist das Wort Gottes - das aber auf dem guten Land, das sind die, die das Wort hören und in einem guten und reinen Herzen bewahren“. Ich bin mir mit vielen Bibelexegeten gar nicht so sicher, ob die Auslegung wirklich auf Jesus zurückgeht, oder später in der Gemeinde des Lukas diskutiert wurde. Jesu Gleichnisse lebten und leben davon, dass der Hörer/die Hörerin selbst darauf achten, die Ohren spitzen und die Herzen öffnen sollen, wie sie auf die Geschichte reagieren. Die Gleichnisse Jesu sollten einen „Aha“-Effekt auslösen!
Nun gut: Wir kommen sicher als Christinnen und Christen, die das Gleichnis seit vielen Jahren kennen, nicht davon los, dass der Same Gottes Wort ist. Und als evangelische Kirche sind wir im Blick auf Luther es ja auch sozusagen von Muttermilch an gewohnt, dass „das Wort“, eben das Wort der Schrift, eine Bedeutung hat, die sie etwa in der katholischen oder orthodoxen Kirche so nicht hat. Lassen wir also andere mögliche Überlegungen, was da eigentlich mit der Aussaat gemeint sein könnte, beiseite, und bleiben wir dabei, dass es um das Wort gehen könnte.
Jede und jeder unter uns müsste sich im Stillen jetzt einmal fragen, welche Worte in der vergangenen Woche auf geöffnete Ohren getroffen sind. Schnell würde uns klar werden, dass der Schwall der Worte, der pausenlos auf uns eindringt, unmöglich auf nur geöffnete Ohren stoßen kann. Nein, wir müssen manchmal auch die Ohren auf Durchzug stellen, wir müssen sie manchmal gleichsam zuhalten. Der Stimmen und Geräusche sind zu viele - wir können sie gar nicht bewusst verarbeiten, dann würden wir ja verrückt werden. Da würden nicht nur unsere Ohren streiken, da würde es erst recht unsere Seele tun, die das alles gar nicht aushalten kann und Gottseidank auch nicht aushalten muss.
Für alle seine Sinne hat der Mensch Filter eingebaut, weil er sonst der unzähligen Informationen, die auf ihn eindringen, nicht Herr werden könnte. Und wir leben nun mal in einer Zeit, wo durch die modernen Medien die Flut der Stimmen und Geräusche noch einmal unendlich zugenommen hat.
Aber was haben wir in den vergangenen Tagen mit offenen Ohren gehört? War es ein liebevolles Wort, das ein anderer Mensch gesagt hat, war es vielleicht eine Kränkung? War es etwas Neues, Aufregendes oder Bedrohliches? Gab es Situationen, wo wir geradezu begierig hingehört haben - oder auch Situationen, wo wir es ganz bewusst nicht mehr hören wollten? Die möglichen Antworten mag sich jede und jeder selbst geben. Aber wir alle würden merken, dass da, wo wir zugehört haben (oder das Zuhören nicht mehr aushalten konnten), unser eigenes Leben mit im Spiel war - unser eigenes Leben und unsere eigene Persönlichkeit, die wir nun einmal geworden sind. Junge Menschen mögen die Ohren für andere Botschaften öffnen als wir Älteren - aber auch sie hören dann hin, wenn sie sich in ihrer Lebensphase angesprochen fühlen. Und der Mensch ist nun einmal das Wesen der Sprache - und er ist unendlich auf sie angewiesen, auch wenn sie ihm manchmal zu viel wird.
Und nun könnte ich ganz evangelisch-lutherisch auch fragen: War unter den Wörtern, die in uns drangen, auch Gottes Wort dabei? Das in der Bibel geschriebene Wort Gottes? Wie war das denn bei Ihnen in der vergangenen Woche, Herr Pastor? In der Bibel gelesen? Ja, da gab es Gottes Wort: Mit der Tageslosung und einem Choral am Morgen, dem Singen geistlicher Lieder mit der Kantorei, dem Blick in theologische Bücher! Keine tolle, aber auch keine schlechte Bilanz im Blick auf das Wort Gottes!
Ich habe diese Aufzählung vorgetragen, um mir selbst und uns allen deutlich zu machen: Eine noch so beeindruckende Beschäftigung mit der Bibel, dem Wort Gottes, sagt nichts darüber aus, ob denn irgendetwas von dem, was ich gelesen und gehört habe, auf fruchtbares Land gefallen ist. Sicher, alles, was ich eben aufgezählt habe, hat mich zumindest interessiert, es hat mich keineswegs gelangweilt - aber was Spuren in mir hinterlassen hat, das ist noch einmal eine ganz andere Frage. Und noch viel schwieriger ist die zu beantworten, ob es denn als Gottes Wort in mich gedrungen ist.
Ich beginne plötzlich, das so einfache und doch wunderbare Gleichnis Jesu als eine Beispielgeschichte dafür zu verstehen, dass äußerliche Handlungen - und das Säen ist ja eine äußerliche Handlung - noch gar nichts darüber aussagen, was denn daraus geschieht. Wir hätten alles so gern eindeutig klar, und Jesus erzählt uns eine Geschichte von der Vieldeutigkeit des Lebens, wo alles auf dem Spiel steht und noch gar nichts entschieden ist. Die wirklich wichtigen Dinge sind offen in ihren Möglichkeiten und das können gute sein wie schlechte, und in dem Moment, wo sie geschehen, wissen wir es noch gar nicht.
Ich möchte eine Geschichte aus meinem Leben erzählen, die davon handelt, dass Gottes Same in einem Menschen aufgegangen ist.
Nach meinem Theologiestudium wurde ich in einem kleinen Dorf bei Marburg in Hessen mit der Wahrnehmung der pfarramtlichen Aufgaben für ein kleines Dorf betraut. Weniger als 500 Menschen lebten dort, aber dieser Ort hatte eine geschichtliche Besonderheit: Er war erst Ende des 17. Jahrhunderts von Flüchtlingen gegründet worden, Hugenotten und Waldensern, die aus Frankreich und Italien ihres reformierten Glaubens wegen geflohen waren. Bis in 19. Jahrhundert hinein wurde in dem Dorf französisch gesprochen und so waren auch die Kirchenbücher auf Französisch geschrieben.
In meiner Zeit dort gab es noch 5 Familien mit französischen Namen. Und es standen Neuwahlen für den kleinen Kirchenvorstand an. In kühnem Vorgriff auf spätere Debatten über Gleichberechtigung war ich der Meinung, dass auch Frauen in den Kirchenvorstand gehören – der immer nur männlich besetzt war. Ich fand zwei Frauen, die bereit waren, zu kandidieren. Und sie wurden gewählt!
Eine von den beiden ist inzwischen fast 90 Jahre alt. Sie blieb lange Zeit im Kirchenvorstand, sie wurde später Ehrenvorsitzende und hat seit ihrer Wahl bis in die Gegenwart in der Gemeinde gewirkt. Sie stammte aus einer einfachen Bauernfamilie und begann, sich für Theologie zu interessieren.
Wir haben uns später ein paar Mal getroffen und all die Jahre Kontakt miteinander gehalten. Immer, wenn wir uns sahen, sagte sie: „Ich danke Gott, dass du mich damals in den Kirchenvorstand geholt hast; das hat mein Leben verändert und geprägt.“
In diesem komplizierten und oft nicht eindeutigen Leben ist etwas auf fruchtbaren Boden gefallen. Gottes Same kann durch viele Medien zum Keimen gebracht werden.
Heißt das, möchte ich abschließend fragen, dass wir nicht in der Bibel lesen sollen, nicht im Gottesdienst Gottes vor Zeiten ergangenes Wort hören und unsere Ohren und Sinnen darauf richten sollen? Nein, die Bibel ist mir da schon sehr wichtig. Aber wir sollten uns hüten, die Bibel so zu verstehen, als wäre sie selbst immer eindeutig. Auch sie ist geprägt von der Vieldeutigkeit des Lebens - wie es unser heutiges Gleichnis so sinnfällig ausdrückt.
Ja, wir haben in der Bibel und in den alten Texten aus der Geschichte des Christentums unerschöpfliche Begleiter. Sie können uns helfen, in unserem Leben, in dem wir oft auf wackeligen Beinen stehen, zurechtzukommen, ohne dass wir schon immer vorher eine Antwort wissen. Es ist immer ein Dreieck, in dem wir Menschen uns bewegen: Wir selbst - das Leben - und die Angebote der Daseinsdeutung, die wir verinnerlicht haben. Dazu gehört auch die Bibel. Dann können wir das, was uns an Gutem und manchmal auch weniger Gutem widerfährt, aufmerksam hören und verarbeiten. Aber das ist eine immer neu zu beschreibende Aufgabe. Über ihr mag dann aber die Hoffnung stehen, dass so Gutes daraus entsteht wie aus der Aussaat des Sämanns.
Predigt am 27. Juli 2025 in St. Lorenz, Lübeck
Zwei Texte aus der Frühzeit des Christentums haben wir eben gehört. Den Abschluss des Matthäus-Evangeliums und einen Ausschnitt aus dem 1. Petrusbrief. Das Finale des Evangeliums ist gewaltig: „Geht hin und macht alle Völker zu Jüngern und tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.“ In der Geschichte des Christentums wurden diese Worte als „Taufbefehl“ verstanden. Und da könnte man gleich sagen: Befehl ausgeführt! - mit Zwangsmissionierung und der Einführung der Säuglingstaufe.
Eine schreckliche Wirkungsgeschichte von Worten, die sich die jungen Christinnen und Christen zugesagt haben, als es darum ging, sowohl gegenüber der Mutterreligion, dem Judentum, als auch gegenüber dem imperialen römischen Staat den neuen Glauben zu leben. Übrigens hat der historische Jesus von Nazareth nie dazu aufgefordert, in seinem Namen zu taufen. Erst nach seinem Kreuzestod wird die Einladung, sich taufen zu lassen, zu einem der wichtigsten Identitätsmerkmale des Christentums – neben dem Abendmahl.
Um die Festigung des neuen Glaubensweges geht es auch im 1. Petrusbrief. Die Schriftgelehrten sind sich darin einig, dass dieser Brief, der in gutem Griechisch geschrieben wurde, kaum von dem Fischer vom See Genezareth Petrus verfasst worden sein kann, sondern vielleicht zwei Generationen nach Petrus in seinem Namen verschickt wurde. Es ist ein schönes und interessantes Schreiben, das ermutigen und trösten will. Ich komme auf einige Formulierungen daraus zurück.
Und jetzt unternehme ich einen waghalsigen Sprung in die Gegenwart und zeige Ihnen und euch, dass auch ich ein Smartphone besitze. Mit diesem kleinen Zauberkasten möchte ich etwas demonstrieren, und das geht so:
Zunächst ist das Smartphone ein Objekt aus unserer modernen Welt. Man kann dieses Objekt aus mehreren Perspektiven betrachten. Ich nenne den rein technischen Aspekt. Wie funktioniert es, wie es ist es gebaut? Man kann es unter ökologischen Gesichtspunkten ansehen. Wie ist seine Umweltbilanz in Bezug auf Herstellung und Nutzung? Man kann es unter kommunikativem Blickwinkel in Augenschein nehmen. Es lässt sich damit mit anderen Menschen telefonieren; es kann eine Quelle für Informationen sein und ist obendrein ein Fotoapparat. Diese verschiedenen Sichtweisen auf das Objekt „Smartphone“ ließen sich sicher noch erweitern. Aber Hand auf's Herz: Wer stellt schon solche Betrachtungen an, wenn er oder sie das Smartphone einschaltet?
Nein, da kommt noch etwas anderes ins Spiel, das bewirkt hat und anhaltend bewirkt, dass aus dem Smartphone ein Medium geworden ist, das das Alltagsleben der Menschen total verändert hat. Ähnlich revolutionär war die Erfindung des Buchdrucks in der Reformationszeit. Ich charakterisiere es so: Das Medium „Smartphone“ löst beim Benutzer etwas aus. Nicht nur wir machen etwas mit ihm – sondern es macht auch etwas mit uns.
Wie kommt es, dass im Bus geschätzt jeder zweite auf sein Smartphone starrt? Wie kommt es, dass man häufig Mütter sieht, die den Kinderwagen mit dem Kleinkind durch die Gegend schieben – und gleichzeitig das kleine Ding bedienen? Wie lässt sich erklären, dass Menschen in einem Restaurant, wo gerade die Speisen aufgetischt werden, zunächst ein Bild davon schießen müssen, um dieses wem auch immer zu verschicken? Weitere solcher Beobachtungen sind möglich.
Kommunikationswissenschaftler können das sicher besser erklären als ich, aber ich nenne drei meiner Deutungen:
Unser menschlicher Spieltrieb und unsere natürliche Neugier werden angeregt. Wir haben etwas zu tun und müssen uns nicht mit Langeweile oder absichtslosem In-die-Welt-Gucken herumplagen. Darüber hinaus dies: Das Medium gibt seinem Nutzer das Gefühl, nicht allein zu sein, sondern Teilhaber eines weltumspannenden Netzwerks, an dem er partizipiert und das seine Wichtigkeit erhöht. Auf einer noch tieferen Ebene könnte man darüber nachsinnen, ob nicht auch Allmachtsphantasien genährt werden, die Welt liegt einem sozusagen zu Füßen... Vielleicht halten Sie, liebe Gemeinde, solche Erklärungsversuche ja für abwegig – oder haben andere oder bessere.
Ich bin zu den Überlegungen des Smartphones als Medium gekommen durch die Lektüre eines Buches eines Theologen, er heißt Hartmut von Sass und lehrt in Hamburg. Er schreibt allerdings nichts über das Smartphone, sondern nimmt den Ausgangspunkt seiner Überlegungen bei der Betrachtung eines Kunstwerks. Ein Bild in einem Museum können wir als Objekt betrachten, aber in dem Moment, wo das Bild uns anspricht, uns berührt, wird es zum Medium, das auf uns zurückwirkt. Vielleicht können Neurophysiologen eines Tages erklären, was da ins uns vorgeht, aber der Sprung von der reinen Objekt-Betrachtung in das Berührtsein bleibt hoffentlich noch lange als Wechsel in einen veränderten Zustand der Wahrnehmung erhalten und Zeichen schöpferischen menschlichen Geistes.
Sicher ist es nichts besonders Neues, was ich anhand des Smartphones und kurz eines Kunstwerks zu beschreiben versucht habe: Wir sind in einem ständigen Austausch mit unserer Umwelt. Wir betrachten sie nicht nur als Objekt, sondern sie hinterlässt Spuren in uns. Der liebevolle oder kritische, ja böse Blick eines Menschen; das Erlebnis eines Sonnenuntergangs; die Aufnahme einer guten oder auch beängstigenden Nachricht; das Ermessen einer Situation im Verkehr – die Beispiele ließen sich unendlich vermehren. Aber sie wirken auf uns, und es ist an uns, wie wir sie aufnehmen und was sie in uns auslösen.
Da kommt für mich als Theologen und Prediger und religiös empfindsamen Menschen der Gottesdienst ins Spiel, den wir gerade feiern. Wie trifft er Sie, liebe Gemeinde? Interessiert, innerlich vielleicht auch ablehnend oder zumindest kritisch, oder womöglich sogar begeistert?
Wie dem auch sein mag, wir erleben ein Ritual, das zunächst in seiner Gesamtheit zum Medium für uns wird: Lieder, Gebete, Lesungen, der Versuch einer Predigt, eine Kantorei, alte liturgische Formelsprache bis hin zum Segen nachher. Darf ich sagen: ein Gesamtkunstwerk?
Und welche Bildersprache tut sich vor unseren Ohren auf! Alles, was wir tun, mögen wir im Namen Jesu tun. Ein Bibelwort aus dem Neuen Testament, das dem vorhin gehörten Eingangschor aus der Buxtehude-Kantate zugrunde liegt. Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende dieser Weltzeit, verheißt Christus den Seinen im Evangelium. Kräftige Bilder aus dem 1. Petrusbrief: Neugeborenen Kindern gleich verlangt nach der geistigen, unverfälschten Milch; lasst euch selbst als lebendige Steine zu einem geistlichen Haus aufbauen; ihr seid auserwählte Menschen, eine königliche Priesterschaft, eine heilige Gemeinschaft, ein Volk, das Gott gehört.
Und ich zitiere noch die Schlussstrophe des Liedes am Ende des Gottesdienstes. Sie wurde geschrieben von dem Barock-Meister geistlicher Sprachspiele Paul Gerhardt und lautet: „Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum, und lass mich Wurzel treiben. Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben.“ Mir geht das ans Gemüt; in der Sprache dieser Predigt: Es macht etwas mit mir...
Noch einmal zurück zu dem schon erwähnten Theologen Helmut von Sass. Sein schmales Buch hat den Titel „Atheistisch glauben“. Ich müsste den Titel so aussprechen: a-theistisch glauben. Also: Gottlos oder ohne Gott glauben. Kein Fragezeichen dahinter, einfach so: „Atheistisch glauben“. Da sträubt sich doch das christliche Gefieder! Feiern wir jetzt nicht Gottesdienst? In Kurzfassung erklärt, meint von Sass, dass wir aufhören sollten, Gott als Objekt zu suchen und zu sehen. Das tut der Theismus. Vom Bild eines alten Mannes mit Bart, der irgendwo im Kosmos auf uns schaut, haben wir uns sicher schon lange verabschiedet. Aber ich habe doch auch mein ganzes Theologenleben nach einem Gott gesucht, den ich festmachen kann. Wie habe ich mir den Satz des großen, heute fast vergessenen Theologen Paul Tillich zu eigen gemacht, der heißt „Gott ist das Sein selbst“!
Weg damit!, sagt von Sass. Und beschreibt eine andere Weise, von Gott zu reden. Mit meinen Worten: Gott ereignet sich, indem wir uns auf ihn und besonders seine Identitätszeichen Glaube, Liebe und Hoffnung einlassen. Der Blick auf das Leben, Handeln und Sprechen des Jesus von Nazareth könnte dabei hilfreich sein. Dann geschieht Gott und, mag sein/hoffentlich, verändert das uns. Gott ist ein mediales Ereignis, flüchtig, aber vielleicht auch wirkmächtig. „O Gott-o-Gott“, „Mein Gott!“, sagen wir manchmal eher floskelhaft oder unbedacht. Könnte es nicht sein, dass wir uns, vielleicht ohne es zu wollen, Gott schaffen, indem wir ihn seufzend in unser Leben lassen?
Ich kämpfe noch mit dem Gottesbegriff von von Sass, aber er fasziniert mich durchaus.
Zum Reden von Gott gehört aber auch der Zweifel. Wir schwanken wie ein Rohr im Wind. Wahrscheinlich haben wir vorhin diesen Satz aus dem Abschluss des Matthäus-Evangeliums überhört – und ich weiß nicht, ob er in Predigten über diesen Text auftaucht: „Und als sie, die Jünger, ihn sahen, warfen sie sich nieder, hatten aber auch Zweifel.“
Lasst uns sehen, wo wir uns in unserem Leben so berühren lassen, dass wir Luft zum Durchatmen in unserem Dasein in schwierigen Zeiten bekommen!
Zum Schluss noch einmal eine Einladung, in die Bilderwelt des Glaubens einzutauchen. Der Chor hat vorhin Worte des 121. Psalm in der Vertonung von Roland Ploeger gesungen. Er lehrte als Professor an der Lübecker Musikhochschule und hat der Kantorei das Werk, das er kurz vor seinem Tod 2004 zufällig wiederfand, gewidmet.
Hören wir:
„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt. Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird meinen Fuß nicht gleiten lassen, denn der mich behütet, schläft und schlummert nicht. Der Hüter der Menschen schläft noch schlummert nicht.“
Amen.