Predigt am 10. Mai 2026 („Rogate“) in der Reformierten Kirche über Matthäus 6, 7-13
Morgen in vier Tagen feiern wir das Fest „Christi Himmelfahrt“. In vielen Ländern wird es neutraler als „Auffahrt Christi“ bezeichnet. Was da geschehen sein soll, ist eine der großen Erzählungen des Evangelisten, den wir Lukas nennen. Nach der Auferweckung Jesu Christ von den Toten zu Ostern zeigt sich dieser noch 40 Tage seinen Jüngerinnen und Jüngern, dann wird er zum Himmel emporgehoben. Und nun tritt gewissermaßen eine Pause ein, bis 10 Tage später – an Pfingsten – der Heilige Geist über die Jesus-Anhänger kommt. Ohne Lukas gäbe es die Feste „Christi Himmelfahrt“ und „Pfingsten“ nicht, denn die anderen Autoren des Neuen Testaments berichten nichts davon. Vom kommenden Geist ist freilich schon die Rede; im Johannes-Evangelium kündigt Jesus an, dass ein Fürsprecher kommen wird; ein Paraklet, ein Tröster, den Gott senden wird.
Aber nach Lukas (der übrigens in der Apostelgeschichte eine etwas andere Fassung bietet) ist nach Himmelfahrt bis Pfingsten tatsächlich so etwas wie eine Pause. Nehmen wir einmal an, es sei so gewesen, wie Lukas es schildert, dann ließe sich ja die Frage stellen, was die Jünger und Jüngerinnen in der Zwischenzeit getan haben. Ich denke, die plausibelste Antwort wäre die: Sie haben gebetet, dass Gott sie nach Ostern und Himmelfahrt nicht im Stich lässt – und Pfingsten ist ihr Gebet erhört worden.
„Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe, sei mir gnädig und erhöre mich“ – lesen wir im 27. Psalm. Wir wenden uns an Gott, wir beten. Sonntag für Sonntag tun wir es: vor allem mit den Worten, die Jesus uns selbst gelehrt hat – dem „Vater-unser“. Lassen Sie uns die Pause bis Himmelfahrt und Pfingsten auch mit dem Blick auf das Gebet und mit dem Beten selbst füllen. Und deshalb wollen wir das Gebet Jesu jetzt als Predigttext hören:
„Jesus sprach: Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden; sie meinen nämlich, sie werden ihrer vielen Worte wegen erhört. Tut es ihnen nicht gleich! Euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.
So sollt ihr beten:
Unser Vater im Himmel.
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute!
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.“
Ich habe festgestellt, dass ich in meinem Leben mit nun doch schon einigen Jährchen auf dem Buckel erst zweimal über das Vater-unser gepredigt habe. Mit den uns so vertrauten Worten, die wir in jedem Gottesdienst sprechen, lehrt Jesus seine Jünger und Jüngerinnen beten. Und er beginnt diese Worte, die nur aus Bitten an Gott bestehen, mit dem Hinweis darauf, dass seine Nachfolger es anders machen sollen als die „Heiden“, die meinen, sie werden ihrer vielen Worte wegen erhört. Ich mag die Übersetzung „Heiden“ nicht so gern, weil sie in meinen Ohren leicht abfällig klingt: Menschen, die keinen Glauben haben. Im griechischen Text steht dort das Wort „Völker“, und damit sind immer die gemeint, die außerhalb der jüdischen Religion lebten – also einen anderen Glauben hatten. Und nun müsste man nachschauen, wie die außerisraelitischen Völker gebetet haben, ob es wirklich nur ein Plappern war.
Ich dachte in diesem Zusammenhang aber auch daran, ob nicht manche unserer Gebete auch eher unter die Rubrik „Plappern“ gehören. Wenn ich für den Gottesdienst – auch für diesen – das Fürbittengebet aussuche, stehe ich manchmal vor der Frage, ob die gefundenen Gebete nicht auch ein Zuviel enthalten, so dass sie in der Gefahr stehen, im Wortschwall unterzugehen. Denn wie auch immer man die kleine Attacke auf das „Plappern“ der Völker beurteilen mag, eines scheint bei Jesus ganz klar zu sein: Da Gott weiß, was wir brauchen, noch ehe wir ihn darum bitten, genügt es, einfache, konzentrierte Sätze zu sagen, wenn wir uns im Gebet an ihn wenden. Und dies geschieht ja dann tatsächlich im Vater-unser: Nüchterne Bitten, die es allerdings in sich haben, wenn man sie genauer anschaut. Das sonntägliche Vater-unser steht ja sicher – ich merke es bei mir selbst – in der Gefahr, zu einem gewissen Automatismus zu werden: Wir sprechen es – aber wir merken gar nicht immer, was wir da sprechen.
Machen wir uns immer bewusst, dass dieses Gebet, das in seinen einzelnen Worten übrigens nicht spezifisch Christliches enthält, eine wunderbare Gliederung hat? Da geht es zunächst in drei Bitten um Gottes Namen, Gottes Reich und Gottes Willen. Es geht zunächst um den Gott, den Jesus in fast kindlicher Anrede „Vater“, wir könnten vielleicht sagen: „Papa“, nennt. Dann gleichsam als Scharnier der sieben Bitten die vierte um das tägliche Brot, um das, was wir zum Leben notwendig brauchen. Und schließlich die zweite Bittenreihe, in der es um unsere Schuld, unsere Anfechtungen, unsere Verlorenheit geht. Wenn von Gott die Rede ist, dann ist es wohl in den Augen Jesu notwendig, sich immer auch bewusst zu machen, dass unsere dunklen und misslungenen Seiten uns den Zugang zu Gott verwehren wollen. Und wenn uns der Zugang zu Gott verwehrt ist, dann ist uns, so sieht es Jesus, immer auch der Zugang zum Mitmenschen und zur ganzen Geschöpflichkeit verwehrt.
Es würde den Rahmen einer Predigt sprengen, wenn ich nun jede einzelne der sieben Bitten, auslegen wollte. Es läge auch nahe, sich den Paralleltext bei Lukas und die verschiedenen Übersetzungsmöglichkeiten anzuschauen. Wir wollen es bei dem vertrauten Wortlaut belassen.
Im Blick auf das ganze Unser-Vater ist mir selbst etwas Merkwürdiges aufgefallen – und das betrifft die grundsätzliche Frage, zu wem wir eigentlich beten: im Vater-unser und in jedem anderen Gebet. Ich merkte bei mir selbst, dass ich auch nach langen Lebensjahren noch nicht von der Vorstellung weggekommen bin, dass mein Gebet, unser Gebet sich an einen Adressaten, eben Gott, richtet, der sich irgendwo am anderen Ende der „Strippe“, im All oder wo auch immer befindet und mir zuhört. Es scheint, als lasse sich der, philosophisch gesprochen, metaphysische Bezugspunkt von etwas außerhalb von uns, ganz woanders, nicht aus der Gehirnwelt schaffen. Ich war verblüfft, denn ich weiß ja auch, dass ich mir in meinem Denken und für andere in meinen Predigten immer wieder klarzumachen versucht habe, dass Gott kein Wesen wie du und ich irgendwo ist, das etwa einen Telefonhörer in der Hand hat und mit mir spricht. Oder der auf einen Knopf drückt – und dann passiert etwas Gutes oder auch etwas Schlechtes. Und doch diese offensichtlich nicht zu tilgende Vorstellung, dass gerade im Gebet so etwas wie eine Verbindung zu einem Gegenüber außerhalb von mir hergestellt wird. Geht es mir nur so – oder auch Ihnen, liebe Gemeinde?
Können wir uns den Adressaten unserer Gebete, auch des Vater-unsers, auch anders denken? Müssen wir an dieser Stelle überhaupt „denken“ – oder reicht es nicht, es einfach mit „Gott“, an den wir uns betend wenden, zu versuchen – natürlich mit dem ganzen Gepäck dessen im Rücken, was uns Jesus Christus von Gott erzählt und vorgelebt hat?
Ich habe seit Studienzeiten ein kleines Taschenbuch, das sich inzwischen in seine Bestandteile aufgelöst hat, von dem Theologen Gerhard Ebeling. Der war in der Nazi-Zeit Mitglied der „Bekennenden Kirche“, und ich habe ihn in meiner Tübinger Studentenzeit selbst gehört. Das Büchlein enthält Predigt über das Unser-Vater und erschien 1963. Immer wieder habe ich dieses Büchlein aufgeschlagen und wieder weggelegt – ohne rechten Ertrag. Erst später, nach vielen Jahren, habe ich es wieder gelesen – und begann es zu verstehen, gerade im Blick auf meine immer noch vorhandene Vorstellung von Gott als dem zuhörenden und handelnden Gegenüber irgendwo.
Ich möchte Ihnen einige Sätze Ebelings mit den auf den Weg geben in unserem Versuch, das Vater-unser zu verstehen und zu leben. Ebeling schreibt:
„Mit dem Beten ist nicht nur ein isolierter Akt der Frömmigkeit gemeint, sondern umfassend jeder ernsthafte Gebrauch des Namens Gottes: Jedes Sichberufen auf ihn, jedes Reden von ihm, jedes Denken an ihn; denn Beten macht erst deutlich, was es heißt, ‚Gott’ zu sagen.“
Haben wir vielleicht gemerkt, dass Ebeling die Gottesfrage (und damit die Frage nach dem Adressaten des Gebets) so sieht, dass wir darum bitten, Gott in unserem Leben im Blick auf die Welt angemessen zur Sprache zu bringen. Ich könnte sagen: In diesem angemessenen Zur-Sprache-Bringen ereignet sich Gott – kommt er gleichsam auf uns zu. Um diesen Gedanken noch etwas verständlicher werden zu lassen, gehe ich einen Augenblick vom Gebet weg und bringe diese Überlegung. Wenn diese Kirche wie andere auch nach dem Gottesdienst wieder abgeschlossen wird, ist dann Gott noch in der Kirche? Ich glaube, wir würden diesen Gedanken verneinen und streng protestantisch sagen: Dann gibt es diesen schönen Kirchenraum zwar auch weiterhin, aber Gott bleibt dort gleichsam nicht wohnen. Erst wenn wir uns zum Gottesdienst versammeln, beten, singen und auf das Wort der Bibel hören, dann will Gott da sein – dann, ich wiederhole diese Formulierung – kann es sein, dass Gott sich ereignet.
Ob es um das Gebet geht oder um den Gottesdienst: Unser christlicher Glaube lehrt uns, dass wir Gott dadurch richtig zur Sprache bringen können, dass wir uns an Christus halten und Glaube, noch einmal Ebeling, „als Hingabe an das Gott-Welt-Geschehen“ leben. Noch ein Satz des Theologen, den ich wunderbar finde: „Nicht wo der Himmel ist, ist Gott, sondern wo Gott ist, ist der Himmel“.
Im konzentrierten Beten des Vater-unsers, aber auch in jedem Gebet, das sich zurecht auf Gott berufen kann, geht es um unsere Vorbereitung auf ein Leben in der Welt, das sich unter den Namen Gottes stellt. Die drei letzten Bitten des Unser-Vaters beziehen sich, ich sagte es schon, darauf, dass starke Kräfte in uns selbst uns diesen Zugang verstellen wollen. Und so macht es schon Sinn, wenn es in der heutigen Epistel heißt: „Bitte und Gebet, Fürbitte und Danksagung sollen für alle Menschen geschehen.“ Immer wieder müssen wir uns neu vor Gott finden. „Derjenige, der vor Gott verstummen muss (und ich sage: Das sind wir alle), tut dies, indem er den Mund vor Gott auftut. Der kein Recht hat, vor Gott zu erscheinen, tritt vor ihn hin. Der sich selbst das Urteil spricht, er sei einer, der nicht will, was Gott will, ja nicht will, dass Gott sei, der appelliert an Gott...“ Das war noch einmal Gerhard Ebeling.
Vielleicht haben wir gemerkt: Eine Predigt, ein Nachsinnen über das uns allzu vertraute Unser-Vater eröffnet Schleusen von Gedanken. Ich habe vieles unerwähnt gelassen, etwa die Frage nach der Unterscheidung zwischen dem Gebet des einzelnen und dem Gebet der Gemeinschaft (wie sie das Unser-Vater voraussetzt). Ich habe nicht von den verschiedenen Formen des Gebets gesprochen, die es gibt. Und ich habe vor allem nicht von der Stille vor Gott gesprochen, die auch Gebet sein kann. Der vor über 200 Jahren geborene dänische Theologe und Philosoph Sören Kierkegaard hat einmal geschrieben:
„Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still… So ist es: Beten heißt nicht sich selbst reden hören, beten heißt still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.“
Ich schließe mit folgendem Hinweis:
Als ich vorhin den Predigttext las, haben Sie vielleicht gemerkt, dass das Unser-Vater nicht mit den Worten „und erlöse uns von dem Bösen“ endete. Aber sprechen wir nicht weiter: „Denn ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen“? Nun, in den ältesten Handschriften des Neuen Testaments sind diese Worte nicht überliefert, sie sind frühchristliche Zusätze. Und sie enthalten ja auch keine Bitten mehr, sondern sie sind ein Lobpreis Gottes. Wir können sagen: Es ist ein angemessener Zusatz. Wenn wir beten: Unser Vater im Himmel, dann können wir es nur, wenn wir dankbar einstimmen in den Lobpreis Gottes, der alles ist und dem alles gehört. Daraus möchten wir so gerne leben. Und weil wir es so oft nicht vermögen, braucht es das Bitten, wie es uns Jesus im ursprünglichen Unser-Vater lehrt. Ist es nicht eine wunderbare Möglichkeit, im Leben eine Pause einzulegen – und sie betend zu füllen?
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Predigt am 8. Februar 2026 in St. St. Lorenz über Lukas 8,4-8
„Als sich aber eine große Menschenmenge versammelte und sie aus jeder Stadt zu ihm hinkamen, gebrauchte Jesus ein Gleichnis: Der Sämann ging hinaus, um seinen Samen zu säen; und beim Säen fiel einiges daneben auf den Weg und wurde zertreten und die Vögel des Himmels pickten es auf. Anderes fiel auf Felsboden und kaum war es aufgegangen, vertrocknete es, weil ihm Feuchtigkeit fehlte. Anderes fiel mitten unter die Disteln, und als die Disteln mit ihm heranwuchsen, erstickten sie es. Und anderes fiel auf guten Boden und ging auf und brachte hundertfache Frucht. Bei diesen Worten rief Jesus: Wer Ohren zum Hören hat, der höre!“
„Wer Ohren zum Hören hat, der höre“ – so endete das eben gehörte Gleichnis vom Sämann. Dieses merkwürdige Wort Jesu taucht in den Evangelien des Öfteren auf. Was sollen wir denn sonst machen mit unseren Ohren, sie sind doch zum Hören da? Aber vielleicht ist es doch manchmal gut, daran zu erinnern, die uns Menschen geschenkten Sinne auch wirklich zu öffnen. Kennen wir nicht alle die Formulierung „die Ohren auf Durchzug stellen“? Einfach überhören, was mein Gegenüber sagt… Uns vertraute Situationen, und da finden wir die Aufforderung: „Wer Ohren hat, der höre“ schon gar nicht mehr so merkwürdig oder gar albern. Man hat sie auch als „Weckformel“ bezeichnet, und in der Tat meint sie wohl einen Appell, die Ohren wirklich zu öffnen, wirklich hinzuhören. Was sollen wir hören?
Nun, auch das ist gesagt, wieder einmal ein Gleichnis Jesu, eine Bildgeschichte. 39 Gleichnisse sind von Jesus in den Evangelien einschließlich des nicht in unsere Bibeln aufgenommenen Thomas-Evangeliums überliefert worden. Es ist schwer zu entscheiden, wie weit sie tatsächlich alle auf den historischen Jesus zurückgehen - aber das ändert nichts an der Feststellung, dass er ein wunderbarer Geschichten-Erzähler gewesen sein muss: Schöne Geschichten, poetische Geschichten, aber manchmal auch geradezu provozierende oder erschreckende Geschichten. Ja, man kann geradezu sagen, dass das Erzählen von Geschichten eine der markanten Formen gewesen ist, mit denen Jesus sich an seine Zeitgenossen wandte. Die anderen sind seine markanten Sprüche.
Dass er so viele Beispiel-Geschichten erzählt hat, hat sicher einmal seinen Grund darin, dass diese Form der Rede so gut in den Vorderen Orient passt, in ländliche Landschaften, wo es keine großen Bibliotheken gab wie in Griechenland oder Ägypten. Man erzählte sich Geschichten, man trug in Form von Geschichten das zusammen, was man von der Vergangenheit wusste. Sicher gab es in Jerusalem um den Tempel herum Gelehrte, die vieles aus der jüdischen Geschichte aufgeschrieben haben. So hatte man die Tora, die „Weisung“ Israels, und die Propheten, in den Gebetshäusern auf Schriftrollen - aber das Neue wurde in den Dörfern draußen in Geschichten erzählt. Und es scheint sich herum gesprochen zu haben, dass Jesus ein besonders begabter Geschichtenerzähler sein muss - denn die Leute aus den Städten kamen zu ihm aufs galiläische Land, wie Lukas es so schön schildert. Da gab es etwas zu hören, wenn die Ohren nur richtig geöffnet wurden!
Neben diesen ländlichen Gewohnheiten, die Jesus teilte, gab es mit Sicherheit noch einen anderen Grund für ihn, Geschichten zu erzählen. Er war ja Jude und er wollte etwas von Gott und seinem kommenden Reich sagen. Doch er achtete das erste Gebot: „Du sollst dir von Gott kein Bildnis machen“. Seine Gleichnisse sollten den Menschen Gott nahebringen. Aber sie sollten nicht der Versuchung unterliegen, sich ein Bildnis des nicht abbildbaren Gottes zu machen.
Jesu heutige Geschichte ist eine einfache, eine ländliche Geschichte - und sie passt so gut in karges Land. Sie erzählt von der Aussaat eines Sämanns, der damit rechnen muss, dass nur ein Teil des kostbaren Samens zwischen all den Steinen und Dornen und angesichts der Trockenheit und der gefräßigen Vögel Frucht bringen wird. Ja, so war es damals - und so ist es in manchen Ländern der Erde auch noch heute: keine künstliche Bewässerung, kein Dünger, keine Saatmaschinen. Ein Mensch geht über karges Land und wirft den Samen aus in der Hoffnung, dass er irgendwann Ertrag bringt. Er kann sein Werfen nicht so lenken, dass die säende Bewegung nur auf die Fleckchen Erde zielt, die fruchtbar zu sein scheinen, und gegen das Wetter und die Vögel ist er ohnehin machtlos. Ist es Gott, der sät, ist es Jesus selbst - wir wissen es nicht oder können es nur annehmen.
Das Lukas-Evangelium (und auch Markus und Matthäus) schließen an das Gleichnis eine Auslegung Jesu an. Und da sagt er: „Der Same ist das Wort Gottes - das aber auf dem guten Land, das sind die, die das Wort hören und in einem guten und reinen Herzen bewahren“. Ich bin mir mit vielen Bibelexegeten gar nicht so sicher, ob die Auslegung wirklich auf Jesus zurückgeht, oder später in der Gemeinde des Lukas diskutiert wurde. Jesu Gleichnisse lebten und leben davon, dass der Hörer/die Hörerin selbst darauf achten, die Ohren spitzen und die Herzen öffnen sollen, wie sie auf die Geschichte reagieren. Die Gleichnisse Jesu sollten einen „Aha“-Effekt auslösen!
Nun gut: Wir kommen sicher als Christinnen und Christen, die das Gleichnis seit vielen Jahren kennen, nicht davon los, dass der Same Gottes Wort ist. Und als evangelische Kirche sind wir im Blick auf Luther es ja auch sozusagen von Muttermilch an gewohnt, dass „das Wort“, eben das Wort der Schrift, eine Bedeutung hat, die sie etwa in der katholischen oder orthodoxen Kirche so nicht hat. Lassen wir also andere mögliche Überlegungen, was da eigentlich mit der Aussaat gemeint sein könnte, beiseite, und bleiben wir dabei, dass es um das Wort gehen könnte.
Jede und jeder unter uns müsste sich im Stillen jetzt einmal fragen, welche Worte in der vergangenen Woche auf geöffnete Ohren getroffen sind. Schnell würde uns klar werden, dass der Schwall der Worte, der pausenlos auf uns eindringt, unmöglich auf nur geöffnete Ohren stoßen kann. Nein, wir müssen manchmal auch die Ohren auf Durchzug stellen, wir müssen sie manchmal gleichsam zuhalten. Der Stimmen und Geräusche sind zu viele - wir können sie gar nicht bewusst verarbeiten, dann würden wir ja verrückt werden. Da würden nicht nur unsere Ohren streiken, da würde es erst recht unsere Seele tun, die das alles gar nicht aushalten kann und Gottseidank auch nicht aushalten muss.
Für alle seine Sinne hat der Mensch Filter eingebaut, weil er sonst der unzähligen Informationen, die auf ihn eindringen, nicht Herr werden könnte. Und wir leben nun mal in einer Zeit, wo durch die modernen Medien die Flut der Stimmen und Geräusche noch einmal unendlich zugenommen hat.
Aber was haben wir in den vergangenen Tagen mit offenen Ohren gehört? War es ein liebevolles Wort, das ein anderer Mensch gesagt hat, war es vielleicht eine Kränkung? War es etwas Neues, Aufregendes oder Bedrohliches? Gab es Situationen, wo wir geradezu begierig hingehört haben - oder auch Situationen, wo wir es ganz bewusst nicht mehr hören wollten? Die möglichen Antworten mag sich jede und jeder selbst geben. Aber wir alle würden merken, dass da, wo wir zugehört haben (oder das Zuhören nicht mehr aushalten konnten), unser eigenes Leben mit im Spiel war - unser eigenes Leben und unsere eigene Persönlichkeit, die wir nun einmal geworden sind. Junge Menschen mögen die Ohren für andere Botschaften öffnen als wir Älteren - aber auch sie hören dann hin, wenn sie sich in ihrer Lebensphase angesprochen fühlen. Und der Mensch ist nun einmal das Wesen der Sprache - und er ist unendlich auf sie angewiesen, auch wenn sie ihm manchmal zu viel wird.
Und nun könnte ich ganz evangelisch-lutherisch auch fragen: War unter den Wörtern, die in uns drangen, auch Gottes Wort dabei? Das in der Bibel geschriebene Wort Gottes? Wie war das denn bei Ihnen in der vergangenen Woche, Herr Pastor? In der Bibel gelesen? Ja, da gab es Gottes Wort: Mit der Tageslosung und einem Choral am Morgen, dem Singen geistlicher Lieder mit der Kantorei, dem Blick in theologische Bücher! Keine tolle, aber auch keine schlechte Bilanz im Blick auf das Wort Gottes!
Ich habe diese Aufzählung vorgetragen, um mir selbst und uns allen deutlich zu machen: Eine noch so beeindruckende Beschäftigung mit der Bibel, dem Wort Gottes, sagt nichts darüber aus, ob denn irgendetwas von dem, was ich gelesen und gehört habe, auf fruchtbares Land gefallen ist. Sicher, alles, was ich eben aufgezählt habe, hat mich zumindest interessiert, es hat mich keineswegs gelangweilt - aber was Spuren in mir hinterlassen hat, das ist noch einmal eine ganz andere Frage. Und noch viel schwieriger ist die zu beantworten, ob es denn als Gottes Wort in mich gedrungen ist.
Ich beginne plötzlich, das so einfache und doch wunderbare Gleichnis Jesu als eine Beispielgeschichte dafür zu verstehen, dass äußerliche Handlungen - und das Säen ist ja eine äußerliche Handlung - noch gar nichts darüber aussagen, was denn daraus geschieht. Wir hätten alles so gern eindeutig klar, und Jesus erzählt uns eine Geschichte von der Vieldeutigkeit des Lebens, wo alles auf dem Spiel steht und noch gar nichts entschieden ist. Die wirklich wichtigen Dinge sind offen in ihren Möglichkeiten und das können gute sein wie schlechte, und in dem Moment, wo sie geschehen, wissen wir es noch gar nicht.
Ich möchte eine Geschichte aus meinem Leben erzählen, die davon handelt, dass Gottes Same in einem Menschen aufgegangen ist.
Nach meinem Theologiestudium wurde ich in einem kleinen Dorf bei Marburg in Hessen mit der Wahrnehmung der pfarramtlichen Aufgaben für ein kleines Dorf betraut. Weniger als 500 Menschen lebten dort, aber dieser Ort hatte eine geschichtliche Besonderheit: Er war erst Ende des 17. Jahrhunderts von Flüchtlingen gegründet worden, Hugenotten und Waldensern, die aus Frankreich und Italien ihres reformierten Glaubens wegen geflohen waren. Bis in 19. Jahrhundert hinein wurde in dem Dorf französisch gesprochen und so waren auch die Kirchenbücher auf Französisch geschrieben.
In meiner Zeit dort gab es noch 5 Familien mit französischen Namen. Und es standen Neuwahlen für den kleinen Kirchenvorstand an. In kühnem Vorgriff auf spätere Debatten über Gleichberechtigung war ich der Meinung, dass auch Frauen in den Kirchenvorstand gehören – der immer nur männlich besetzt war. Ich fand zwei Frauen, die bereit waren, zu kandidieren. Und sie wurden gewählt!
Eine von den beiden ist inzwischen fast 90 Jahre alt. Sie blieb lange Zeit im Kirchenvorstand, sie wurde später Ehrenvorsitzende und hat seit ihrer Wahl bis in die Gegenwart in der Gemeinde gewirkt. Sie stammte aus einer einfachen Bauernfamilie und begann, sich für Theologie zu interessieren.
Wir haben uns später ein paar Mal getroffen und all die Jahre Kontakt miteinander gehalten. Immer, wenn wir uns sahen, sagte sie: „Ich danke Gott, dass du mich damals in den Kirchenvorstand geholt hast; das hat mein Leben verändert und geprägt.“
In diesem komplizierten und oft nicht eindeutigen Leben ist etwas auf fruchtbaren Boden gefallen. Gottes Same kann durch viele Medien zum Keimen gebracht werden.
Heißt das, möchte ich abschließend fragen, dass wir nicht in der Bibel lesen sollen, nicht im Gottesdienst Gottes vor Zeiten ergangenes Wort hören und unsere Ohren und Sinnen darauf richten sollen? Nein, die Bibel ist mir da schon sehr wichtig. Aber wir sollten uns hüten, die Bibel so zu verstehen, als wäre sie selbst immer eindeutig. Auch sie ist geprägt von der Vieldeutigkeit des Lebens - wie es unser heutiges Gleichnis so sinnfällig ausdrückt.
Ja, wir haben in der Bibel und in den alten Texten aus der Geschichte des Christentums unerschöpfliche Begleiter. Sie können uns helfen, in unserem Leben, in dem wir oft auf wackeligen Beinen stehen, zurechtzukommen, ohne dass wir schon immer vorher eine Antwort wissen. Es ist immer ein Dreieck, in dem wir Menschen uns bewegen: Wir selbst - das Leben - und die Angebote der Daseinsdeutung, die wir verinnerlicht haben. Dazu gehört auch die Bibel. Dann können wir das, was uns an Gutem und manchmal auch weniger Gutem widerfährt, aufmerksam hören und verarbeiten. Aber das ist eine immer neu zu beschreibende Aufgabe. Über ihr mag dann aber die Hoffnung stehen, dass so Gutes daraus entsteht wie aus der Aussaat des Sämanns.