Predigt am 09. August 2026 in der Reformierten Kirche
Der heutige Sonntag hat den Namen „Israelsonntag“. Das Datum ist angelehnt an den „Tischa be Av“, einem Fasten- und Trauertag am „neunten Tag des Monats“ nach jüdischem Kalender, an dem das jüdische Volk der Zerstörungen des Jerusalemer Tempels gedenkt. Damit steht dieser Sonntag thematisch in der ungeheuren Spannung des Verhältnisses von Christentum und Judentum, altem und neuem Bund. Und wir Deutschen mit unserer Geschichte mittendrin. Der Blick auf den latenten und sichtbaren Antisemitismus, auf die Situation in Palästina und unser Verhältnis zum Staat Israel ist in unseren Tagen von so großer Brisanz, dass es mir so vorkommt, als steche man in ein Wespennest.
Wir wissen, wie in der Zeit des Nationalsozialismus schreckliche Versuche unternommen worden sind, die Thematik Juden und Christen, Juden und Deutsche, ein für alle Mal zu „end-lösen“. Dazu gehörte in der Evangelischen Kirche, auch mit kräftiger Unterstützung bekannter Theologen, der aberwitzige Versuch, das Neue Testament von jüdischen Einflüssen zu reinigen - bis hin zu der Behauptung Jesus von Nazareth sei gar kein Jude gewesen, sondern arischer Abstammung. In St. Lorenz am Hauptbahnhof gab es in der NS-Zeit einen fanatischen Pastor. Unter ihm wurde die Kirche baulich verändert, in den Gottesdienstordnungen taucht Jesus Christus so gut wie gar nicht mehr auf. Aber in den Unterlagen von St. Lorenz wurde lange Zeit der Hintergrund verschwiegen und erst in den letzten Jahren aufgearbeitet. Wir erinnern uns betroffen, dass dieses Verschweigen im Nachkriegsdeutschland vorherrschend war: in der Familie, im Staat, in der Kirche.
Ich weiß nicht, ob es hier in der Reformierten Gemeinde, die ja das 200jährige Bestehen ihrer Kirche feiert, Versuche gegeben hat, Verhalten und Einstellungen in der NS-Zeit zu untersuchen und zu dokumentieren. Wir können nachher darüber sprechen.
Judentum und Christentum…Wann entstand das Christentum? Ist „Ostern“, ist Christi Auferweckung, erst der entscheidende Moment der Herauslösung des neu entstehenden Christentums aus dem Judentum? Ist das häufig gebrauchte Bild, dass das Judentum die „Mutterreligion“ sei, aus der gleichsam als „Tochter“ das Christentum hervorgegangen ist, ein angemessenes? Oder entsteht Christentum erst auf dem Boden nicht-jüdischen, griechisch geprägten Lebens - und greift dann freilich in seinem religiösen Zeichensystem auch auf das Judentum zurück?
Zwischenbemerkung: Der vorhin gelesene Abschnitt aus dem Brief nach Rom (Römer 11, 25 -33) zeigt, wie sehr Paulus als Motor des allen Völkern offenen Christentums um sein Verhältnis zum Judentum, aus dem er doch stammt, gerungen hat.
Ich lese nun das Evangelium aus Markus 12:
Da kam einer der Schriftgelehrten dazu; er hatte ihr Streitgespräch gehört, und weil er wahrgenommen hatte, wie treffend Jesus ihnen antwortete, fragte er ihn: Welches Gebot ist das wichtigste von allen?
Jesus gab ihm zur Antwort, dass dieses das wichtigste sei: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist allein Herr; und liebe den Herrn, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele, deinem ganzen Verstand und mit deiner ganzen Kraft!«
An zweiter Stelle steht dieses: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!« Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden.
Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Zu Recht, Meister, hast du der Wahrheit gemäß geredet: ER ist einzig und außer ihm gibt es keinen anderen; ihn zu lieben mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft und den Nächsten zu lieben wie sich selbst - das ist viel mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.
Und als Jesus sah, wie überlegt er geantwortet hatte, sagte er zu ihm: Du bist nicht weit entfernt vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihm noch weitere Fragen zu stellen.
(Markus 12, 28-34)
Dieser Abschnitt aus dem Markusevangelium ist in seinen wesentlichen Teilen auch vorstellbar als ein innerjüdischer Dialog. Markus hat ihn in seinen Passionsbericht eingebaut und bringt im 12. Kapitel mehrere Streitgespräche zwischen Jesus und jüdischen Schriftgelehrten: Soll man dem Kaiser Steuern zahlen oder nicht; wie steht es mit der Auferstehung der Toten? Nach unserem Predigttext kommt die Frage: Ist der Messias ein Sohn Davids? Das Streitgespräch über die Auferstehung der Toten veranlasst nach Markus den Auftritt eines weiteren Schriftgelehrten. Er hat alles mitverfolgt, hat wahrgenommen, wie treffend Jesus geantwortet hat, und nun wird er selbst aktiv und fragt Jesus nach dem wichtigsten Gebot. Jesus antwortet mit dem Sch’ma Israel aus dem 5. Buch Mose und mit dem Gebot der Nächstenliebe aus dem 2. Buch Mose. Sie wissen sicher, dass das Sch’ma Israel, das „Höre Israel“ von jedem Juden zweimal am Tag rezitiert und bekannt werden soll - es ist weniger ein Gebet als ein Glaubensbekenntnis: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit deiner ganzen Kraft.“ Markus hat übrigens noch ein Viertes hinzugefügt: „deinem ganzen Verstand.“ Dieser Gottesliebe soll nach Jesus die Liebe zum Nächsten wie zu sich selbst entsprechen.
Und nachdem Jesus gesprochen hat, stimmt der Schriftgelehrte zu und sagt daraufhin: Zu Recht, Meister, hast du der Wahrheit gemäß geredet, und er wiederholt - ohne das Sch’ma - die beiden wichtigsten Gebote, die viel mehr seien als Brandopfer und anderen Opfer. Das ist ein Dialog auf jüdischem Boden, in dem sich beide Gesprächspartner einig sind; kein Streitgespräch, kein Versuch, Jesus eine Falle zu stellen wie etwa bei der Frage, ob man dem Kaiser Steuern zahlen dürfe!
Ich habe den „Heidelberger Katechismus“ der Reformierten Kirche aufgeschlagen, der ja aus 129 Fragen nach dem Glauben besteht. Diese sind nach den beiden Einleitungsfragen in drei Abschnitte gegliedert: „Von des Menschen Elend“, „Von des Menschen Erlösung“ und „Von der Dankbarkeit“. Alle Fragen werden unter Zuhilfenahme vieler Bibelstellen beantwortet. Ich zitiere aus: „Von des Menschen Elend“:
FRAGE 3: Woher erkennst du dein Elend?
Antwort: Aus dem Gesetz Gottes.
FRAGE 4: Was fordert denn das göttliche Gesetz von uns?
Antwort: Dies lehrt uns Christus mit folgenden Worten: »Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten«
FRAGE 5: Kannst du dies alles vollkommen halten?
Antwort: Nein, denn ich bin von Natur aus geneigt, Gott und meinen Nächsten zu hassen.
So weit das Zitat. Als ich diese letzten Sätze las, war ich erschrocken: Soll ich doch von Natur aus geneigt sein, Gott und meinen Nächsten zu hassen. Hass, lese ich im „Deutschen Wörterbuch“ meint „feindliche Gesinnung; heftige, leidenschaftliche Abneigung; Rachsucht“. Und so soll ich sein - Gott und den Menschen gegenüber? Wie geht es Ihnen damit, wenn Sie diese Beschreibung des Menschen hören? Ich will mich nicht als besonders guten Menschen darstellen, ich weiß aus meiner Lebensgeschichte sehr gut um die dunklen, bösen Seiten in mir - aber Hassen, Rachsucht Verspüren, das ist mir irgendwie fremd. Hass gegen Menschen verspüre ich nicht und nach Gott möchte ich suchen, zweifele auch manchmal an ihm oder bin wütend auf ihn - aber ihn hassen? Habe ich das Glück gehabt in meiner Entwicklung, dass mir Hass auf Menschen und auf Gott nicht anerzogen, eingeflößt wurden?
Aber vielleicht gebraucht der Heidelberger Katechismus aus der Zeit um 1600 auch einfach eine andere, deftigere Sprache, um den Menschen zu beschreiben. Vielleicht würden wir heute eher psychologisch von der dunklen, aggressiven Seite sprechen, die in jedem Menschen lauert. Das, was die Bibel auch Sünde nennt, oder Paulus das „Fleischliche“. Und dann kann es sein, dass wir doch zu der Erkenntnis kommen, dass wir Gebote und Regeln brauchen, um dem Teuflischen in uns Einhalt zu gebieten. Im Blick auf jeden von uns selbst und im Blick auf das, was Menschen sich gegenseitig antun. Jeder Blick in die Zeitung lässt uns da erschrecken.
Es stellt sich die alte Frage seit der Vertreibung des Menschen aus dem Paradies, warum der Mensch so ist, wie er ist - und warum es ihm nicht gelingt, mit sich selbst und mit dem anderen in Frieden zu leben und für den Frieden zu sorgen. Sind die von Jesus als die wichtigsten Gebote bezeichneten: nämlich die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten wie zu sich selbst, Zeichen auf dem Weg zum friedlichen Miteinander, ein Ausweg aus dem Dilemma des Menschen?
Vielleicht haben wir eine Abwehr gegen alles, was Gebot und Verbot heißt. Möglicherweise spüren wir, dass Gottes- und Menschenliebe gleichsam nicht befohlen werden können. Es mag auch sein, dass wir bei näherem Hinsehen entdecken, dass wir gerade unter den elterlichen Geboten und Verboten manchmal auch gelitten haben. Natürlich wissen wir, dass es ohne Spielregeln im Leben noch schlimmer aussehen würde. Straßenverkehr, Haus- und Schulordnung, Grundgesetz und Strafgesetzbuch - all das hat wohl seine Berechtigung.
Aber Gottes- und Nächstenliebe im Befehlston? Der evangelische Theologe Ernst Lange hat vor vielen Jahren ein Büchlein über die 10 Gebote herausgegeben unter dem Titel „Die 10 großen Freiheiten“. Was schrieb er zum 1. Gebot?
Ich bin der Herr, dein Gott.
Du wirst keine anderen Götter haben!
Du brauchst keine Angst zu haben!
Weder vor der Macht der Sterne noch vor der Macht der Menschen;
weder um dein Geld, noch um dein Vergnügen.
Ich, der allmächtige Gott, will dein Helfer sein.
Das ist keine Sprache des Gebots oder des Verbots, sondern eine Sprache der Einladung, eine Sprache, die andeutet, woraufhin wir unser Leben ausrichten mögen. Ist es nicht so, dass jede und jeder unter uns zustimmen wird, dass Gottes- und Menschenliebe tatsächlich so etwas wie die Präambel unseres Glaubenslebens darstellen? Und der wir gerne zustimmen werden? Wenn wir sie aber nur als Gebot, als „Du musst“, du sollst“ hören, dann kommen wir allzu schnell dazu, zu sagen: Das schaffe ich ja doch nicht - vielleicht hat es Jesus geschafft. Hören und verstehen wir sie als Einladung, als Initialzündung zur Frage, wie wir leben können, dann könnte es sein, dass sie unsere Herzen, unsere Seele, unseren Verstand ergreifen - und wir unsere ganze Kraft darauf verwenden, daraus zu leben. Und sich obendrein Juden und Christen hier zustimmend verständigen könnten zum Wohl der Welt. So könnte dies auch unser tägliches Bekenntnis sein - und unser Leben verändern.
Wie kann es denn zur Liebe kommen - zu Gott, zu den Mitmenschen zu mir selbst? Mir scheint, Liebe kann so wenig befohlen werden wie sie sozusagen antrainiert werden kann. Kann es sein, dass sie als ein antwortendes Verhalten entsteht, wenn nämlich Liebe erfahren wurde? Mir gefällt am „Heidelberger Katechismus“, dass er der „Dankbarkeit“ so viele Fragen widmet. Immer dann, wenn ich aus Dankbarkeit heraus gelebt habe - dankbar Gott gegenüber, was er mir Gutes getan hat, und dankbar den Menschen gegenüber, die es gut mit mir meinten -, blitzte etwas auf von dem Wunsch, selbst auch fähig zur Liebe zu sein. Und dann entstand auch Selbstliebe, die ja meint, in sich so gefestigt zu sein, dass ich wieder neu in Kontakt mit Gott und den Menschen treten kann. Uns dürfte ja allen klar sein, dass „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ nicht heißt: Liebe den Anderen so egoistisch wie du deine Egoismen hast.
Auf eine Merkwürdigkeit unseres Textes möchte ich noch hinweisen. Jesus sagt zu dem Schriftgelehrten, als dieser ihn bestätigt hatte: Du bist nicht weit entfernt vom Reich Gottes! Was fehlt dem Schriftgelehrten, dass er noch nicht sozusagen vollwertiger Bürger des Reiches Gottes ist? Ist hier der Markus-Evangelist am Werk? Ich sagte ja schon, dass er den Dialog über das wichtigste Gebot in seinen Passionsbericht eingebaut hat. Will er sagen, dass dem Schriftgelehrten noch die Erkenntnis fehlt, wen er vor sich hat - nämlich den Christus? Damit wären wir wieder bei der Frage nach dem Verhältnis von Judentum und Christentum und damit auch bei der Frage, was sie unterscheidet. Die Aufforderung, Gott und die Menschen zu lieben, ist es nicht. Sie beschreibt das Wesen beider Religionsgemeinschaften, weit über alle Brandopfer und anderen Opfer hinaus. Wir als Christen sagen - und das will Markus vielleicht anklingen lassen: Durch Christi Leben, das im Kreuz seinen Abschluss und Höhepunkt erreicht und in seiner Auferstehung von Gott bestätigt wird, wird dem Gebot der Liebe neuer Sinn gegeben.
Aber es wäre schon wunderbar, wenn möglichst viele Menschen ihr Herz und ihre Seele weit öffnen, Gott in ihren Gedanken tragen und ihm aus aller Kraft dienen und Zeichen der Liebe setzen. Amen
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Predigt am 10. Mai 2026 („Rogate“) in der Reformierten Kirche über Matthäus 6, 7-13
Morgen in vier Tagen feiern wir das Fest „Christi Himmelfahrt“. In vielen Ländern wird es neutraler als „Auffahrt Christi“ bezeichnet. Was da geschehen sein soll, ist eine der großen Erzählungen des Evangelisten, den wir Lukas nennen. Nach der Auferweckung Jesu Christ von den Toten zu Ostern zeigt sich dieser noch 40 Tage seinen Jüngerinnen und Jüngern, dann wird er zum Himmel emporgehoben. Und nun tritt gewissermaßen eine Pause ein, bis 10 Tage später – an Pfingsten – der Heilige Geist über die Jesus-Anhänger kommt. Ohne Lukas gäbe es die Feste „Christi Himmelfahrt“ und „Pfingsten“ nicht, denn die anderen Autoren des Neuen Testaments berichten nichts davon. Vom kommenden Geist ist freilich schon die Rede; im Johannes-Evangelium kündigt Jesus an, dass ein Fürsprecher kommen wird; ein Paraklet, ein Tröster, den Gott senden wird.
Aber nach Lukas (der übrigens in der Apostelgeschichte eine etwas andere Fassung bietet) ist nach Himmelfahrt bis Pfingsten tatsächlich so etwas wie eine Pause. Nehmen wir einmal an, es sei so gewesen, wie Lukas es schildert, dann ließe sich ja die Frage stellen, was die Jünger und Jüngerinnen in der Zwischenzeit getan haben. Ich denke, die plausibelste Antwort wäre die: Sie haben gebetet, dass Gott sie nach Ostern und Himmelfahrt nicht im Stich lässt – und Pfingsten ist ihr Gebet erhört worden.
„Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe, sei mir gnädig und erhöre mich“ – lesen wir im 27. Psalm. Wir wenden uns an Gott, wir beten. Sonntag für Sonntag tun wir es: vor allem mit den Worten, die Jesus uns selbst gelehrt hat – dem „Vater-unser“. Lassen Sie uns die Pause bis Himmelfahrt und Pfingsten auch mit dem Blick auf das Gebet und mit dem Beten selbst füllen. Und deshalb wollen wir das Gebet Jesu jetzt als Predigttext hören:
„Jesus sprach: Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden; sie meinen nämlich, sie werden ihrer vielen Worte wegen erhört. Tut es ihnen nicht gleich! Euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.
So sollt ihr beten:
Unser Vater im Himmel.
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute!
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.“
Ich habe festgestellt, dass ich in meinem Leben mit nun doch schon einigen Jährchen auf dem Buckel erst zweimal über das Vater-unser gepredigt habe. Mit den uns so vertrauten Worten, die wir in jedem Gottesdienst sprechen, lehrt Jesus seine Jünger und Jüngerinnen beten. Und er beginnt diese Worte, die nur aus Bitten an Gott bestehen, mit dem Hinweis darauf, dass seine Nachfolger es anders machen sollen als die „Heiden“, die meinen, sie werden ihrer vielen Worte wegen erhört. Ich mag die Übersetzung „Heiden“ nicht so gern, weil sie in meinen Ohren leicht abfällig klingt: Menschen, die keinen Glauben haben. Im griechischen Text steht dort das Wort „Völker“, und damit sind immer die gemeint, die außerhalb der jüdischen Religion lebten – also einen anderen Glauben hatten. Und nun müsste man nachschauen, wie die außerisraelitischen Völker gebetet haben, ob es wirklich nur ein Plappern war.
Ich dachte in diesem Zusammenhang aber auch daran, ob nicht manche unserer Gebete auch eher unter die Rubrik „Plappern“ gehören. Wenn ich für den Gottesdienst – auch für diesen – das Fürbittengebet aussuche, stehe ich manchmal vor der Frage, ob die gefundenen Gebete nicht auch ein Zuviel enthalten, so dass sie in der Gefahr stehen, im Wortschwall unterzugehen. Denn wie auch immer man die kleine Attacke auf das „Plappern“ der Völker beurteilen mag, eines scheint bei Jesus ganz klar zu sein: Da Gott weiß, was wir brauchen, noch ehe wir ihn darum bitten, genügt es, einfache, konzentrierte Sätze zu sagen, wenn wir uns im Gebet an ihn wenden. Und dies geschieht ja dann tatsächlich im Vater-unser: Nüchterne Bitten, die es allerdings in sich haben, wenn man sie genauer anschaut. Das sonntägliche Vater-unser steht ja sicher – ich merke es bei mir selbst – in der Gefahr, zu einem gewissen Automatismus zu werden: Wir sprechen es – aber wir merken gar nicht immer, was wir da sprechen.
Machen wir uns immer bewusst, dass dieses Gebet, das in seinen einzelnen Worten übrigens nicht spezifisch Christliches enthält, eine wunderbare Gliederung hat? Da geht es zunächst in drei Bitten um Gottes Namen, Gottes Reich und Gottes Willen. Es geht zunächst um den Gott, den Jesus in fast kindlicher Anrede „Vater“, wir könnten vielleicht sagen: „Papa“, nennt. Dann gleichsam als Scharnier der sieben Bitten die vierte um das tägliche Brot, um das, was wir zum Leben notwendig brauchen. Und schließlich die zweite Bittenreihe, in der es um unsere Schuld, unsere Anfechtungen, unsere Verlorenheit geht. Wenn von Gott die Rede ist, dann ist es wohl in den Augen Jesu notwendig, sich immer auch bewusst zu machen, dass unsere dunklen und misslungenen Seiten uns den Zugang zu Gott verwehren wollen. Und wenn uns der Zugang zu Gott verwehrt ist, dann ist uns, so sieht es Jesus, immer auch der Zugang zum Mitmenschen und zur ganzen Geschöpflichkeit verwehrt.
Es würde den Rahmen einer Predigt sprengen, wenn ich nun jede einzelne der sieben Bitten, auslegen wollte. Es läge auch nahe, sich den Paralleltext bei Lukas und die verschiedenen Übersetzungsmöglichkeiten anzuschauen. Wir wollen es bei dem vertrauten Wortlaut belassen.
Im Blick auf das ganze Unser-Vater ist mir selbst etwas Merkwürdiges aufgefallen – und das betrifft die grundsätzliche Frage, zu wem wir eigentlich beten: im Vater-unser und in jedem anderen Gebet. Ich merkte bei mir selbst, dass ich auch nach langen Lebensjahren noch nicht von der Vorstellung weggekommen bin, dass mein Gebet, unser Gebet sich an einen Adressaten, eben Gott, richtet, der sich irgendwo am anderen Ende der „Strippe“, im All oder wo auch immer befindet und mir zuhört. Es scheint, als lasse sich der, philosophisch gesprochen, metaphysische Bezugspunkt von etwas außerhalb von uns, ganz woanders, nicht aus der Gehirnwelt schaffen. Ich war verblüfft, denn ich weiß ja auch, dass ich mir in meinem Denken und für andere in meinen Predigten immer wieder klarzumachen versucht habe, dass Gott kein Wesen wie du und ich irgendwo ist, das etwa einen Telefonhörer in der Hand hat und mit mir spricht. Oder der auf einen Knopf drückt – und dann passiert etwas Gutes oder auch etwas Schlechtes. Und doch diese offensichtlich nicht zu tilgende Vorstellung, dass gerade im Gebet so etwas wie eine Verbindung zu einem Gegenüber außerhalb von mir hergestellt wird. Geht es mir nur so – oder auch Ihnen, liebe Gemeinde?
Können wir uns den Adressaten unserer Gebete, auch des Vater-unsers, auch anders denken? Müssen wir an dieser Stelle überhaupt „denken“ – oder reicht es nicht, es einfach mit „Gott“, an den wir uns betend wenden, zu versuchen – natürlich mit dem ganzen Gepäck dessen im Rücken, was uns Jesus Christus von Gott erzählt und vorgelebt hat?
Ich habe seit Studienzeiten ein kleines Taschenbuch, das sich inzwischen in seine Bestandteile aufgelöst hat, von dem Theologen Gerhard Ebeling. Der war in der Nazi-Zeit Mitglied der „Bekennenden Kirche“, und ich habe ihn in meiner Tübinger Studentenzeit selbst gehört. Das Büchlein enthält Predigt über das Unser-Vater und erschien 1963. Immer wieder habe ich dieses Büchlein aufgeschlagen und wieder weggelegt – ohne rechten Ertrag. Erst später, nach vielen Jahren, habe ich es wieder gelesen – und begann es zu verstehen, gerade im Blick auf meine immer noch vorhandene Vorstellung von Gott als dem zuhörenden und handelnden Gegenüber irgendwo.
Ich möchte Ihnen einige Sätze Ebelings mit den auf den Weg geben in unserem Versuch, das Vater-unser zu verstehen und zu leben. Ebeling schreibt:
„Mit dem Beten ist nicht nur ein isolierter Akt der Frömmigkeit gemeint, sondern umfassend jeder ernsthafte Gebrauch des Namens Gottes: Jedes Sichberufen auf ihn, jedes Reden von ihm, jedes Denken an ihn; denn Beten macht erst deutlich, was es heißt, ‚Gott’ zu sagen.“
Haben wir vielleicht gemerkt, dass Ebeling die Gottesfrage (und damit die Frage nach dem Adressaten des Gebets) so sieht, dass wir darum bitten, Gott in unserem Leben im Blick auf die Welt angemessen zur Sprache zu bringen. Ich könnte sagen: In diesem angemessenen Zur-Sprache-Bringen ereignet sich Gott – kommt er gleichsam auf uns zu. Um diesen Gedanken noch etwas verständlicher werden zu lassen, gehe ich einen Augenblick vom Gebet weg und bringe diese Überlegung. Wenn diese Kirche wie andere auch nach dem Gottesdienst wieder abgeschlossen wird, ist dann Gott noch in der Kirche? Ich glaube, wir würden diesen Gedanken verneinen und streng protestantisch sagen: Dann gibt es diesen schönen Kirchenraum zwar auch weiterhin, aber Gott bleibt dort gleichsam nicht wohnen. Erst wenn wir uns zum Gottesdienst versammeln, beten, singen und auf das Wort der Bibel hören, dann will Gott da sein – dann, ich wiederhole diese Formulierung – kann es sein, dass Gott sich ereignet.
Ob es um das Gebet geht oder um den Gottesdienst: Unser christlicher Glaube lehrt uns, dass wir Gott dadurch richtig zur Sprache bringen können, dass wir uns an Christus halten und Glaube, noch einmal Ebeling, „als Hingabe an das Gott-Welt-Geschehen“ leben. Noch ein Satz des Theologen, den ich wunderbar finde: „Nicht wo der Himmel ist, ist Gott, sondern wo Gott ist, ist der Himmel“.
Im konzentrierten Beten des Vater-unsers, aber auch in jedem Gebet, das sich zurecht auf Gott berufen kann, geht es um unsere Vorbereitung auf ein Leben in der Welt, das sich unter den Namen Gottes stellt. Die drei letzten Bitten des Unser-Vaters beziehen sich, ich sagte es schon, darauf, dass starke Kräfte in uns selbst uns diesen Zugang verstellen wollen. Und so macht es schon Sinn, wenn es in der heutigen Epistel heißt: „Bitte und Gebet, Fürbitte und Danksagung sollen für alle Menschen geschehen.“ Immer wieder müssen wir uns neu vor Gott finden. „Derjenige, der vor Gott verstummen muss (und ich sage: Das sind wir alle), tut dies, indem er den Mund vor Gott auftut. Der kein Recht hat, vor Gott zu erscheinen, tritt vor ihn hin. Der sich selbst das Urteil spricht, er sei einer, der nicht will, was Gott will, ja nicht will, dass Gott sei, der appelliert an Gott...“ Das war noch einmal Gerhard Ebeling.
Vielleicht haben wir gemerkt: Eine Predigt, ein Nachsinnen über das uns allzu vertraute Unser-Vater eröffnet Schleusen von Gedanken. Ich habe vieles unerwähnt gelassen, etwa die Frage nach der Unterscheidung zwischen dem Gebet des einzelnen und dem Gebet der Gemeinschaft (wie sie das Unser-Vater voraussetzt). Ich habe nicht von den verschiedenen Formen des Gebets gesprochen, die es gibt. Und ich habe vor allem nicht von der Stille vor Gott gesprochen, die auch Gebet sein kann. Der vor über 200 Jahren geborene dänische Theologe und Philosoph Sören Kierkegaard hat einmal geschrieben:
„Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still… So ist es: Beten heißt nicht sich selbst reden hören, beten heißt still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.“
Ich schließe mit folgendem Hinweis:
Als ich vorhin den Predigttext las, haben Sie vielleicht gemerkt, dass das Unser-Vater nicht mit den Worten „und erlöse uns von dem Bösen“ endete. Aber sprechen wir nicht weiter: „Denn ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen“? Nun, in den ältesten Handschriften des Neuen Testaments sind diese Worte nicht überliefert, sie sind frühchristliche Zusätze. Und sie enthalten ja auch keine Bitten mehr, sondern sie sind ein Lobpreis Gottes. Wir können sagen: Es ist ein angemessener Zusatz. Wenn wir beten: Unser Vater im Himmel, dann können wir es nur, wenn wir dankbar einstimmen in den Lobpreis Gottes, der alles ist und dem alles gehört. Daraus möchten wir so gerne leben. Und weil wir es so oft nicht vermögen, braucht es das Bitten, wie es uns Jesus im ursprünglichen Unser-Vater lehrt. Ist es nicht eine wunderbare Möglichkeit, im Leben eine Pause einzulegen – und sie betend zu füllen?
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