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Jörg Scholz


Predigt am 25. Oktober 2026 in der Reformierten Kirche

Der Brief an die Gemeinde in Ephesus, der vielleicht ein Rundschreiben an mehrere Gemeinden in Kleinasien, der heutigen Türkei, war, ist wohl um das Jahr 90 herum geschrieben worden. Er stammt mit größter Sicherheit nicht von Paulus - nimmt aber die Autorität des Apostels in Anspruch und ist in seinem Namen geschrieben. In diesem Brief findet sich in Kapitel 16, 10-17, der folgende Abschnitt als Epistellesung für den heutigen Sonntag - mit bemerkenswerten Bildern:
„Werdet stark im Herrn, in der Kraft seiner Stärke! Legt die volle Rüstung an, die von Gott stammt, um gegen die Schliche des Teufels bestehen zu können! Denn wir kämpfen nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut, sondern gegen die Mächte und Gewalten, gegen die Herrscher dieser finsteren Welt, gegen die Geister der Bosheit zwischen Himmel und Erde. Darum greift zur vollen Rüstung Gottes, um an dem bösen Tag, wenn er kommt, Widerstand leisten und nach vollbrachter Tat das Feld behaupten zu können! So habt nun festen Stand: mit der Wahrheit als Gürtel um eure Hüften, den Brustpanzer der Gerechtigkeit angelegt und als Schuhe an den Füßen die Bereitschaft, die Gute Botschaft vom Frieden zu verkünden. Zu alledem ergreift noch den Schild des Glaubens, mit dem ihr alle Brandpfeile des Bösen werdet auslöschen können! Und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das Wort Gottes nämlich!“
Wie geht es uns mit den gebrauchten Bildern? Da taucht mit Hüftgürtel, Brustpanzer, mit Schild, Helm, Brandpfeilen und Schwert geradezu ein schwer bewaffneter römischer Legionär vor uns auf - nur der Wurfspieß fehlt. Spätestens seit den Asterix- und Obelix-Comics haben manche von uns solche römischen Soldaten schnell vor ihrem inneren Auge.
Wir wissen natürlich: Diese bildhafte Sprache des Briefes nach Ephesus ist nicht im militaristischen Sinne gemeint, sondern im übertragenen. Es soll schon zum Kampf gehen - aber zu einem Kampf um die Wahrheit, die Gerechtigkeit, den Frieden, für das Heil und den Geist. Ich habe meine Probleme mit diesen Bildern. Würde ich heute aufgefordert werden, das Handeln des Christen zu beschreiben, würde ich nie auf die Idee kommen, einen Bundeswehrsoldaten im Kampfanzug zum Vergleich heranzuziehen. Paulus selbst gebraucht ja manchmal das Bild eines Sportlers, um vom Leben eines Christen zu sprechen, das gefällt mir schon besser - obwohl das mit dem Sportler ja heute auch so eine Sache ist, wenn man an Doping, an Skandale, an die Kommerzialisierung des Sports denkt. Ich will nachher den Versuch wagen, andere Bilder zu gebrauchen.
Dass das Soldatenbild so viel Widerstand in mir (und vielleicht auch in Ihnen) hervorruft, hat ja sicher mit unserem Wissen zu tun, dass es in Geschichte und Gegenwart gerade nicht als Bild verstanden wurde, sondern als konkrete, buchstäbliche Anweisung. In wie vielen Kriegen sind Christen als vermeintlich von Gott Beauftragte für ihren Glauben ins Feld gezogen, wie viel Elend und Not ist dadurch verbreitet worden! Als Beispiel aus der Gegenwart nenne ich die bedingungslose Parteinahme des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill für Putins Krieg gegen die Ukraine. Kyrill spricht von einem „heiligen Krieg“.
Die Beispiele ließen sich leider vermehren. Ganze Bücher sind geschrieben worden über die kriegerische Seite des Christentums, an dieser Stelle haben es die Religionskritiker leicht mit ihrer Anti-Haltung. Wir müssen diese dunkle Seite in Geschichte und Gegenwart zur Kenntnis nehmen, wir müssen eingestehen, dass da viel Schuld, viel Versagen geschehen ist. Auch das Versagen der Kirchen in der Nazi-Zeit gehört ja dazu.
Und gegenwärtig hat die Kriegs-Rhetorik Hochkonjunktur. Wir müssen „kriegstauglich“ werden, sagt der Bundesverteidigungsminister. Neue Rüstungsfabriken entstehen, und die Rüstungsindustrie macht hohe Profite. Wenn heute in der Bundesrepublik Deutschland jemand laut darüber nachdenkt, ob es nicht vielleicht auch eine kleinere Armee tun würde, dann kann ich aus meinem christlichen Verständnis heraus nur sagen: ja, das wäre gut und wünschenswert und es sollte eine wirkliche Friedensarmee sein. Denn es ist immer noch erschreckend, welche Summen bei uns und in aller Welt für das Militär, für eine immer ausgefeiltere Waffentechnik ausgegeben werden - und wie mit Waffenhandel kräftig verdient wird. Ich reibe mir immer wieder verwundert die Augen angesichts der Tatsache, dass noch so arme Staaten Geld für eine ungeheure Aufrüstung haben und dass Terroristen anscheinend problemlos an Waffen heran kommen. Und ich bewundere die jungen Leute, die in immer größerer Zahl den Kriegsdienst verweigern. Wobei auch mir klar ist, dass die Weltlage nicht mit einer Friedenstaube besänftigt werden kann.
Aber kehren wir zum Christentum zurück. Der Gesamtblick auf das, was mir die Evangelien von Jesus mitteilen, vermittelt mir das Bild eines Menschen, ich würde sogar sagen: d e s Menschen, der nicht zum Kampf, sondern zum Frieden aufrief, der heilte und nicht zerstörte, der versöhnte und nicht auseinander brachte. Wir haben vorhin die wunderbaren Jesusworte aus der „Bergpredigt“ gehört. Und dem entspricht auch mein Gottesbild: der Gott, der in die Niederungen des von Soldatenhand aufgerichteten Kreuzes ging, wollte Kreuze nicht gutheißen, sondern überwinden, wie uns die Auferstehungsbotschaft verkündet. Und der Geist, den wir den Heiligen nennen, ruft zur Gemeinschaft und nicht zum Leid, das wir Menschen uns zufügen.
Es geht also schon um die Frage, auf wen sich Menschen denn berufen, wenn sie zum Krieg aufrufen oder wenn sie zum Frieden aufrufen, und ich meine, dass wir uns auf den biblischen Vater, den Sohn und den Heiligen Geist nur berufen können, wenn wir auf der Seite des Friedens stehen. Doch lassen Sie uns an dieser Stelle noch einmal zu dem Text aus dem Epheserbrief zurückkehren, lassen wir das Bild des römischen Legionärs weg und schauen ihn noch einmal unter einem anderen Blickwinkel an. Es war ja als Bild gemeint, um etwas nun in der Tat Wichtiges des Glaubens auszudrücken: nämlich dass der Christ in dieser Welt lebt - und doch sich darin als Christ und Christin erweist, dass er, ich sage es mal ganz vorsichtig, nicht ganz so ist wie die anderen. Wir wollen eben Christin und Christ sein und nicht nur einfach Menschen oder ein Gemisch aus verschiedenen Weltauffassungen und -deutungen.
Dem Christentum geht es, nach dem Text des Briefes nach Ephesus, um den Kampf für Wahrheit, Gerechtigkeit, Friede, Heil. Aber damit stehen wir vor der schwierigen Frage, wie wir denn unser Profil, unsere Persönlichkeit als Christin und als Christ finden können, wenn wir es denn wollen.
Einen wirklich positiven direkten Bezug zu dem Bild vom Kampf finde ich in den Soldatinnen und Soldaten der Heilsarmee. Sie gibt es seit über 100 Jahren. Unter völligem Verzicht auf Kriegsdienst (deswegen war die Heilsarmee z.B. in der DDR verboten) leisten die schon seit der Gründung gleichberechtigten Soldaten und Soldatinnen in Uniform, straff organisiert, ihren - in Anführungszeichen - „Kriegsdienst“ für Christus. Wir mögen sie manchmal belächeln, wenn sie beispielsweise in der Fußgängerzone oder in Gaststätten um Spenden bitten. Aber alle Kundigen wissen, dass das eine Arbeit vor allem auf sozialem Gebiet ist, die höchsten Respekt verdient.
Ich habe in den mir verfügbaren Quellen über die Heilsarmee nachgelesen, ob sie sich vielleicht gerade auf diesen Text aus dem Brief nach Ephesus beziehen, bin aber leider nicht fündig geworden. Eine mit Künstlicher Intelligenz generierte Antwort sieht so aus: „Epheser 6,10–17 ist für die Heilsarmee ein Leitbild für den geistlichen Kampf – nicht im Sinne von Krieg, sondern als Aufruf zu einem Leben in Treue, Einsatzbereitschaft und Nächstenliebe, gestützt auf die ‚Waffen‘ des Glaubens. Die soldatische Sprache dient als Motivations- und Organisationsprinzip, um Mitglieder zu einem verbindlichen Dienst zu verpflichten.“ Der Blick auf die „Heilsarmee“ kann uns lehren, den Text aus dem Brief nach Ephesus besser und richtiger zu verstehen.
Wir sind immer wieder vor die Frage gestellt, ob wir - ich gebrauche eine militärische Vokabel - für unser Christsein gerüstet sind. Und vor die Frage, wo wir uns zu Auseinandersetzung, Kampf (wenn auch mit friedlichen Mitteln) und In-den-Streit-Ziehen entscheiden. Wenn wir uns hier im Gottesdienst versammeln, dann ist dies ja nicht nur Erinnerung, Ruhefinden, Gott loben und danken, dann ist dies ja auch der Ort, uns für das Christsein stark zu machen! Und manchmal, vielleicht auch häufig, sind wir auch ratlos oder mutlos oder zu träge, um unser Profil und unsere Persönlichkeit im christlichen Sinn zu schärfen. Und da geht es mir nicht anders als Ihnen vielleicht auch: Wir greifen dann gern auf die lebendigen Beispiele des Glaubens zurück. Etwa auf Luther als Reformator. Er stand vor dem Reichstag in Worms und sagte: Hier stehe ich, ich kann nicht anders ...; auf Martin Luther King, auf Dietrich Bonhoeffer ... Bei einer Veranstaltung gestern in der Lutherkirche zu Haltung der Kirchen in der NS-Zeit wurde ein Brief einer mir bis dahin unbekannten Frau gezeigt: Dr. Elisabeth Schmitz. Sie schreibt wenige Wochen nach der Pogrom-Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 und richtet einen leidenschaftlichen Appell an die evangelische Kirche, nicht zu schweigen. Ihr Versuch, die Evangelische Kirche und insbesondere die Bekennende Kirche zum Widerstand gegen die Judenverfolgung aufzurütteln, blieb wirkungslos. Die beispielhafte Haltung von Elisabeth Schmitz wurde lange verkannt. Erst 2011 wurde sie von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern anerkannt.
Wo bleibt mein Christsein, wenn es in Gesprächen allzu oft nur um wirtschaftliche und finanzielle Fragen geht; wo bleibt mein Christsein, wenn es um die Bewahrung der Schöpfung im konkreten Sinn geht; wo bleibt mein Christsein, wenn ich ängstlich wegschaue, wo Menschen sich aggressiv begegnen, wenn es um Versöhnung im privaten Bereich geht? Wo bleibt mein Christsein in der Debatte um Integration der Migranten? Im Sinne des Briefes nach Ephesus sind wir gefragt, wo die Auseinandersetzung um die Wahrheit, die Gerechtigkeit, den Frieden und das Heil mich und uns berührt, aufrüttelt und auf den Weg bringt.
Ich möchte meinen Weg vor Gott, wirklich vor Gott, finden - und ich spüre, wie die zahllosen Ablenkungsmanöver (schon wieder ein militärisches Wort) dieser Welt ihre Faszination auf mich ausüben, wie schwer mir manchmal das Beten fällt, die geistliche Stille - und eben auch das konkrete Handeln. Und an dieser Stelle mag jeder unter uns seine Lebensgeschichte bedenken und seine fehlgeschlagenen Versuche, als Christ oder Christin zu leben. Keiner unter uns ist Martin Luther King, keine unter uns ist Mutter Theresa - und doch wollten wir alle, wir hätten ein wenig von diesen, die so etwas wie Heilige sind.
Aber wir dürfen uns dennoch nicht allzu billig damit trösten, dass es Menschen gab und vielleicht gibt, die auf dem Weg des Glaubens weitergekommen sind als wir. Und auch wenn wir wissen, dass Gott uns unsere Schuld vergeben will, so kann das keine Ausrede dafür sein, unseren Glaubensweg zu finden und zu gehen.
Ich verstehe jede Predigt als Versuch, dieses Müßig-Bleiben zu überwinden - in mir selbst und in denen, die zuhören. Jeder Gottesdienst ist ein noch mächtigerer Versuch, weil er sich nicht auf die Kräfte und Worte des Predigers beschränken muss, die in den evangelischen Kirchen allzu viel Gewicht haben. Wir können aus Quellen schöpfen, die uns Gott schenkt, wenn wir denn nur schöpfen und trinken wollen. Die Bibel ist eine solche Quelle, auch wenn ihre Bilder manchmal nicht unsere Bilder sind.
Ich will den Versuch wagen, den militärisch gefärbten Text des Briefes nach Ephesus in neue Bilder zu übersetzen:
„Seid mutig in Christus und in der Lebenskraft, die von ihm ausgeht. Zieht das Friedensgewand Gottes an, damit ihr gegen die Ablenkungsversuche dieser Zeit bestehen könnt. Doch wir müssen uns nicht gegen lebendige Menschen wenden, sondern gegen alle übermächtigen Versuche, Menschen zu beherrschen und auszunutzen. Deshalb ergreift die schöpferischen Energien Gottes, damit ihr dem Bösen jedes Tages widerstehen und Heil bewirken und dafür Räume schaffen könnt. So seid nun sicher in eurem Leben, geschmückt mit der Blumenkette der Wahrheit und versehen mit den Gaben des Geistes der Gerechtigkeit, und tragt an euren Füßen die Bereitschaft, das Evangelium des Friedens zu verkünden. Vor allem aber ergreift die Farbenpalette des Glaubens, mit der ihr alle zu dunklen Farben verändern könnt, und legt den Schmuck des Heils an und lasst die Lebensglut des Geistes nicht ausgehen, das ist das Wort Gottes.“

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Predigt am 09. August 2026 in der Reformierten Kirche

Der heutige Sonntag hat den Namen „Israelsonntag“. Das Datum ist angelehnt an den „Tischa be Av“, einem Fasten- und Trauertag am „neunten Tag des Monats“ nach jüdischem Kalender, an dem das jüdische Volk der Zerstörungen des Jerusalemer Tempels gedenkt. Damit steht dieser Sonntag thematisch in der ungeheuren Spannung des Verhältnisses von Christentum und Judentum, altem und neuem Bund. Und wir Deutschen mit unserer Geschichte mittendrin. Der Blick auf den latenten und sichtbaren Antisemitismus, auf die Situation in Palästina und unser Verhältnis zum Staat Israel ist in unseren Tagen von so großer Brisanz, dass es mir so vorkommt, als steche man in ein Wespennest.


Wir wissen, wie in der Zeit des Nationalsozialismus schreckliche Versuche unternommen worden sind, die Thematik Juden und Christen, Juden und Deutsche, ein für alle Mal zu „end-lösen“. Dazu gehörte in der Evangelischen Kirche, auch mit kräftiger Unterstützung bekannter Theologen, der aberwitzige Versuch, das Neue Testament von jüdischen Einflüssen zu reinigen - bis hin zu der Behauptung Jesus von Nazareth sei gar kein Jude gewesen, sondern arischer Abstammung. In St. Lorenz am Hauptbahnhof gab es in der NS-Zeit einen fanatischen Pastor. Unter ihm wurde die Kirche baulich verändert, in den Gottesdienstordnungen taucht Jesus Christus so gut wie gar nicht mehr auf. Aber in den Unterlagen von St. Lorenz wurde lange Zeit der Hintergrund verschwiegen und erst in den letzten Jahren aufgearbeitet. Wir erinnern uns betroffen, dass dieses Verschweigen im Nachkriegsdeutschland vorherrschend war: in der Familie, im Staat, in der Kirche.


Ich weiß nicht, ob es hier in der Reformierten Gemeinde, die ja das 200jährige Bestehen ihrer Kirche feiert, Versuche gegeben hat, Verhalten und Einstellungen in der NS-Zeit zu untersuchen und zu dokumentieren. Wir können nachher darüber sprechen.


Judentum und Christentum…Wann entstand das Christentum? Ist „Ostern“, ist Christi Auferweckung, erst der entscheidende Moment der Herauslösung des neu entstehenden Christentums aus dem Judentum? Ist das häufig gebrauchte Bild, dass das Judentum die „Mutterreligion“ sei, aus der gleichsam als „Tochter“ das Christentum hervorgegangen ist, ein angemessenes? Oder entsteht Christentum erst auf dem Boden nicht-jüdischen, griechisch geprägten Lebens - und greift dann freilich in seinem religiösen Zeichensystem auch auf das Judentum zurück?


Zwischenbemerkung: Der vorhin gelesene Abschnitt aus dem Brief nach Rom (Römer 11, 25 -33) zeigt, wie sehr Paulus als Motor des allen Völkern offenen Christentums um sein Verhältnis zum Judentum, aus dem er doch stammt, gerungen hat.


Ich lese nun das Evangelium aus Markus 12:
Da kam einer der Schriftgelehrten dazu; er hatte ihr Streitgespräch gehört, und weil er wahrgenommen hatte, wie treffend Jesus ihnen antwortete, fragte er ihn: Welches Gebot ist das wichtigste von allen?
Jesus gab ihm zur Antwort, dass dieses das wichtigste sei: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist allein Herr; und liebe den Herrn, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele, deinem ganzen Verstand und mit deiner ganzen Kraft!«
An zweiter Stelle steht dieses: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!« Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden.
Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Zu Recht, Meister, hast du der Wahrheit gemäß geredet: ER ist einzig und außer ihm gibt es keinen anderen; ihn zu lieben mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft und den Nächsten zu lieben wie sich selbst - das ist viel mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.
Und als Jesus sah, wie überlegt er geantwortet hatte, sagte er zu ihm: Du bist nicht weit entfernt vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihm noch weitere Fragen zu stellen.
(Markus 12, 28-34)


Dieser Abschnitt aus dem Markusevangelium ist in seinen wesentlichen Teilen auch vorstellbar als ein innerjüdischer Dialog. Markus hat ihn in seinen Passionsbericht eingebaut und bringt im 12. Kapitel mehrere Streitgespräche zwischen Jesus und jüdischen Schriftgelehrten: Soll man dem Kaiser Steuern zahlen oder nicht; wie steht es mit der Auferstehung der Toten? Nach unserem Predigttext kommt die Frage: Ist der Messias ein Sohn Davids? Das Streitgespräch über die Auferstehung der Toten veranlasst nach Markus den Auftritt eines weiteren Schriftgelehrten. Er hat alles mitverfolgt, hat wahrgenommen, wie treffend Jesus geantwortet hat, und nun wird er selbst aktiv und fragt Jesus nach dem wichtigsten Gebot. Jesus antwortet mit dem Sch’ma Israel aus dem 5. Buch Mose und mit dem Gebot der Nächstenliebe aus dem 2. Buch Mose. Sie wissen sicher, dass das Sch’ma Israel, das „Höre Israel“ von jedem Juden zweimal am Tag rezitiert und bekannt werden soll - es ist weniger ein Gebet als ein Glaubensbekenntnis: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit deiner ganzen Kraft.“ Markus hat übrigens noch ein Viertes hinzugefügt: „deinem ganzen Verstand.“ Dieser Gottesliebe soll nach Jesus die Liebe zum Nächsten wie zu sich selbst entsprechen.


Und nachdem Jesus gesprochen hat, stimmt der Schriftgelehrte zu und sagt daraufhin: Zu Recht, Meister, hast du der Wahrheit gemäß geredet, und er wiederholt - ohne das Sch’ma - die beiden wichtigsten Gebote, die viel mehr seien als Brandopfer und anderen Opfer. Das ist ein Dialog auf jüdischem Boden, in dem sich beide Gesprächspartner einig sind; kein Streitgespräch, kein Versuch, Jesus eine Falle zu stellen wie etwa bei der Frage, ob man dem Kaiser Steuern zahlen dürfe!


Ich habe den „Heidelberger Katechismus“ der Reformierten Kirche aufgeschlagen, der ja aus 129 Fragen nach dem Glauben besteht. Diese sind nach den beiden Einleitungsfragen in drei Abschnitte gegliedert: „Von des Menschen Elend“, „Von des Menschen Erlösung“ und „Von der Dankbarkeit“. Alle Fragen werden unter Zuhilfenahme vieler Bibelstellen beantwortet. Ich zitiere aus: „Von des Menschen Elend“:
FRAGE 3: Woher erkennst du dein Elend?
Antwort: Aus dem Gesetz Gottes.
FRAGE 4: Was fordert denn das göttliche Gesetz von uns?
Antwort: Dies lehrt uns Christus mit folgenden Worten: »Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten«
FRAGE 5: Kannst du dies alles vollkommen halten?
Antwort: Nein, denn ich bin von Natur aus geneigt, Gott und meinen Nächsten zu hassen.


So weit das Zitat. Als ich diese letzten Sätze las, war ich erschrocken: Soll ich doch von Natur aus geneigt sein, Gott und meinen Nächsten zu hassen. Hass, lese ich im „Deutschen Wörterbuch“ meint „feindliche Gesinnung; heftige, leidenschaftliche Abneigung; Rachsucht“. Und so soll ich sein - Gott und den Menschen gegenüber? Wie geht es Ihnen damit, wenn Sie diese Beschreibung des Menschen hören? Ich will mich nicht als besonders guten Menschen darstellen, ich weiß aus meiner Lebensgeschichte sehr gut um die dunklen, bösen Seiten in mir - aber Hassen, Rachsucht Verspüren, das ist mir irgendwie fremd. Hass gegen Menschen verspüre ich nicht und nach Gott möchte ich suchen, zweifele auch manchmal an ihm oder bin wütend auf ihn - aber ihn hassen? Habe ich das Glück gehabt in meiner Entwicklung, dass mir Hass auf Menschen und auf Gott nicht anerzogen, eingeflößt wurden?


Aber vielleicht gebraucht der Heidelberger Katechismus aus der Zeit um 1600 auch einfach eine andere, deftigere Sprache, um den Menschen zu beschreiben. Vielleicht würden wir heute eher psychologisch von der dunklen, aggressiven Seite sprechen, die in jedem Menschen lauert. Das, was die Bibel auch Sünde nennt, oder Paulus das „Fleischliche“. Und dann kann es sein, dass wir doch zu der Erkenntnis kommen, dass wir Gebote und Regeln brauchen, um dem Teuflischen in uns Einhalt zu gebieten. Im Blick auf jeden von uns selbst und im Blick auf das, was Menschen sich gegenseitig antun. Jeder Blick in die Zeitung lässt uns da erschrecken.
Es stellt sich die alte Frage seit der Vertreibung des Menschen aus dem Paradies, warum der Mensch so ist, wie er ist - und warum es ihm nicht gelingt, mit sich selbst und mit dem anderen in Frieden zu leben und für den Frieden zu sorgen. Sind die von Jesus als die wichtigsten Gebote bezeichneten: nämlich die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten wie zu sich selbst, Zeichen auf dem Weg zum friedlichen Miteinander, ein Ausweg aus dem Dilemma des Menschen?


Vielleicht haben wir eine Abwehr gegen alles, was Gebot und Verbot heißt. Möglicherweise spüren wir, dass Gottes- und Menschenliebe gleichsam nicht befohlen werden können. Es mag auch sein, dass wir bei näherem Hinsehen entdecken, dass wir gerade unter den elterlichen Geboten und Verboten manchmal auch gelitten haben. Natürlich wissen wir, dass es ohne Spielregeln im Leben noch schlimmer aussehen würde. Straßenverkehr, Haus- und Schulordnung, Grundgesetz und Strafgesetzbuch - all das hat wohl seine Berechtigung.


Aber Gottes- und Nächstenliebe im Befehlston? Der evangelische Theologe Ernst Lange hat vor vielen Jahren ein Büchlein über die 10 Gebote herausgegeben unter dem Titel „Die 10 großen Freiheiten“. Was schrieb er zum 1. Gebot?
Ich bin der Herr, dein Gott.
Du wirst keine anderen Götter haben!
Du brauchst keine Angst zu haben!
Weder vor der Macht der Sterne noch vor der Macht der Menschen;
weder um dein Geld, noch um dein Vergnügen.
Ich, der allmächtige Gott, will dein Helfer sein.
Das ist keine Sprache des Gebots oder des Verbots, sondern eine Sprache der Einladung, eine Sprache, die andeutet, woraufhin wir unser Leben ausrichten mögen. Ist es nicht so, dass jede und jeder unter uns zustimmen wird, dass Gottes- und Menschenliebe tatsächlich so etwas wie die Präambel unseres Glaubenslebens darstellen? Und der wir gerne zustimmen werden? Wenn wir sie aber nur als Gebot, als „Du musst“, du sollst“ hören, dann kommen wir allzu schnell dazu, zu sagen: Das schaffe ich ja doch nicht - vielleicht hat es Jesus geschafft. Hören und verstehen wir sie als Einladung, als Initialzündung zur Frage, wie wir leben können, dann könnte es sein, dass sie unsere Herzen, unsere Seele, unseren Verstand ergreifen - und wir unsere ganze Kraft darauf verwenden, daraus zu leben. Und sich obendrein Juden und Christen hier zustimmend verständigen könnten zum Wohl der Welt. So könnte dies auch unser tägliches Bekenntnis sein - und unser Leben verändern.


Wie kann es denn zur Liebe kommen - zu Gott, zu den Mitmenschen zu mir selbst? Mir scheint, Liebe kann so wenig befohlen werden wie sie sozusagen antrainiert werden kann. Kann es sein, dass sie als ein antwortendes Verhalten entsteht, wenn nämlich Liebe erfahren wurde? Mir gefällt am „Heidelberger Katechismus“, dass er der „Dankbarkeit“ so viele Fragen widmet. Immer dann, wenn ich aus Dankbarkeit heraus gelebt habe - dankbar Gott gegenüber, was er mir Gutes getan hat, und dankbar den Menschen gegenüber, die es gut mit mir meinten -, blitzte etwas auf von dem Wunsch, selbst auch fähig zur Liebe zu sein. Und dann entstand auch Selbstliebe, die ja meint, in sich so gefestigt zu sein, dass ich wieder neu in Kontakt mit Gott und den Menschen treten kann. Uns dürfte ja allen klar sein, dass „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ nicht heißt: Liebe den Anderen so egoistisch wie du deine Egoismen hast.


Auf eine Merkwürdigkeit unseres Textes möchte ich noch hinweisen. Jesus sagt zu dem Schriftgelehrten, als dieser ihn bestätigt hatte: Du bist nicht weit entfernt vom Reich Gottes! Was fehlt dem Schriftgelehrten, dass er noch nicht sozusagen vollwertiger Bürger des Reiches Gottes ist? Ist hier der Markus-Evangelist am Werk? Ich sagte ja schon, dass er den Dialog über das wichtigste Gebot in seinen Passionsbericht eingebaut hat. Will er sagen, dass dem Schriftgelehrten noch die Erkenntnis fehlt, wen er vor sich hat - nämlich den Christus? Damit wären wir wieder bei der Frage nach dem Verhältnis von Judentum und Christentum und damit auch bei der Frage, was sie unterscheidet. Die Aufforderung, Gott und die Menschen zu lieben, ist es nicht. Sie beschreibt das Wesen beider Religionsgemeinschaften, weit über alle Brandopfer und anderen Opfer hinaus. Wir als Christen sagen - und das will Markus vielleicht anklingen lassen: Durch Christi Leben, das im Kreuz seinen Abschluss und Höhepunkt erreicht und in seiner Auferstehung von Gott bestätigt wird, wird dem Gebot der Liebe neuer Sinn gegeben.
Aber es wäre schon wunderbar, wenn möglichst viele Menschen ihr Herz und ihre Seele weit öffnen, Gott in ihren Gedanken tragen und ihm aus aller Kraft dienen und Zeichen der Liebe setzen. Amen

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